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Susanne Ihden an den Strickmaschinen – ab heute zeigt sie ihre Arbeiten auf der FormArt in der KulturBäckerei. Foto: ff

Abstraktes Malen mit der Strickmaschine

Alt Garge. Dünne Drähte ragen wie Antennen in die Luft, allerorts stehen grazile, rätselhafte Mechaniken herum – die Werkstatt von Susanne Ihden erinnert an die Kommandozentrale eines Raumschiffs aus einem Science Fiction der Sechziger Jahre. Der Vergleich ist gar nicht mal so weit hergeholt – „fossile Teile“, sagt die Hausherrin, „sie sind gut und gern 30 Jahre alt“. Tatsächlich stehen hier Strickmaschinen, die in einigen Fällen tatsächlich noch mit Lochkarten gesteuert werden. So entstehen feine Stoffe mit zum Teil hochkomplexen Mustern in raffinierten Farbschattierungen, die Titel tragen wie „“. Eine Auswahl zeigt die Strick-Künstlerin ab heute auf der Ausstellung FormArt in der KulturBäckerei.

Eigentlich ist Susanne Ihden, 1955 in Hamburg geboren, gelernte Reiseverkehrs-Kauffrau. Sie veranstaltete Studienreisen, reiste rund um die Welt, machte sich selbstständig, arbeitete jahrzehntelang mit hoher Schlagzahl – „und irgendwann war ich energetisch aufgebraucht“. Die Wende kam – eher durch Zufall – 2010 bei dem Besuch einer Hamburger Wollfabrik. Susanne Ihden war von den unendlichen Möglichkeiten faszieniert, Muster, Farben und Formen zu entwerfen (und zu realisieren), nahm Unterricht, und kaufte schließlich über Anzeige zwei gebrauchte Strickmaschinen, mittlerweile hat sie das Equipment auf vier ausgebaut.

Merino-Wolle, Kaschmir, Seide und Baumwolle

Die nächsten Jahre war sie damit beschäftigt, die frickeligen Appararturen mit ihren diversen Einstellmöglichkeiten (die „Antennen“ sind übrigens dazu da, die Fäden straff zu halten) in den Griff zu bekommen, die Ausgangsmaterialien in ihren typischen Eigenschaften zu erfassen und einen eigenen Stil zu entwickeln. Dabei begreift sich die Strickerin zunächst als Malerin, die Farben auf der Palette anmischt: Nie besteht eine Fläche aus einer einzigen Farbe, immer werden die Töne aus zwei Fäden hergestellt, Türkis und Petrol zum Beispiel für ein verhaltenes Blau. Das erinnert an einen Pinselstrich. Die Arbeiten orientieren sich in ihren Farbkombinationen an die Wahrnehmung der Natur, sie heißen dann etwa „Mäusebussard“, „Eisvogel“ oder eben „Buntspecht auf dem Ast“. Im Kern stellt Susanne Ihden Schals und Stolas her, grundsätzlich Unikate, die fast durchweg aus elf Partien bestehen, rund zwei Tage Handarbeit stecken in einem Werk.

Zum Einsatz kommen – pur oder in Kombination – Wolle von Merino-Schafen, Kaschmir, Seide und Baumwolle (letztere grundsätzlich nur allein). Die Fäden laufen durch die Mechaniken, die nach dem klassischen Prinzip „Kette und Schuss“ funktionieren, an den vielen Bahnen, Schleifen und Abzweigungen der Fäden hätte auch ein Modelleisenbahner seine Freude. Allerdings ist es ganz schön anstrengend, den Schlitten stundenlang über das Nadelbrett zu ziehen und alle Einstellungen unter Kontrolle zu behalten. Einige Jahre brauchte Susanne Ihden, das angestrebte Niveau zu erreichen, eine durchaus entbehrungsdreiche Zeit, „aber ich war bereit, alles zu riskieren“. Das Risiko hat sich gelohnt, die Nachfrage nach den feinen Stoffen steigt, und natürlich tauscht sich die Strick-Designerin mit Kolleginnen aus, „die Vitalität in unserer Branche ist groß“. Am liebsten entwickelt Susanne Ihden ihre Stoffe mit direktem Blick auf die Erscheinung ihrer Kunden, das gilt natürlich auch für die eigene Person: „Ich schminke mich mit den Schals.“

Von Frank Füllgrabe