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Abwehrbereit präsentiert sich LoChorMotion, aber dann sind sie doch alle sehr freundlich. Foto: t&w

Singen kann tödlich sein

Lüneburg. Die Chorszene steckt nach wie vor in einem tiefen Wandel. Die gemischten Chöre auf den Dörfern sterben, kleine Kirchenchöre halten sich mit Gospelsong s über Wasser. Die Traditions-Chöre in der Stadt und nicht nur sie suchen Nachwuchs. Chorleiterin Nicole Lohmann sagt dagegen: „Wir können uns vor Anfragen nicht retten.“ Es werden nicht weniger Anfragen nach diesem Wochenende kommen, an dem LoChorMotion zweimal die Christiani-Aula füllte – mit „Abgemurkst“-

LoChorMotion bildet so etwas wie die nächste Generation. Denn auch einige der Chöre mit den – mehr oder weniger gelungenen – originellen Namen kommen in die Jahre. Chöre sind oft Ausdruck einer Generation. Die Mitglieder altern als Gemeinschaft, jüngere Mitglieder sind schwer zu finden. Das mag zum Beispiel Femmes Vocale treffen, vielleicht Ohregano und andere, LoChorMotion dagegen bis auf Weiteres nicht. Das Durchschnittsalter des Chors lässt sich so ermessen: „Wir haben sieben Schwangere in einem Jahr“, sagt Nicole Lohmann.

Im Vordergrund steht der Spaß

Rund 50 Mitglieder bilden den A-Cappella-Chor. Sein Repertoire zieht er aus Rock und Pop, es darf auch etwas anderes sein. Arrangiert werden Hits und Rares für vier bis sechs Stimmen. Im Vordergrund steht dabei immer der Spaß. Damit der sich ins Publikum überträgt, braucht es Disziplin. Die fordert mit knappen Zeichen und Gesten Nicole Lohmann ein. Die Wiedergaben bekommen Biss, bleiben transparent, die Stimmfarben leuchten. Das neue Programm „Abgemurkst“ erzählt dazu eine mörderische Geschichte.
Abgemurkst nämlich wird eine Sängerin, die immer die Soli sang und bei Frauen Neid und bei Männern Männerphantasien heraufbeschwor. Dabei beginnt es ganz normal. Der Chor startet sein erstes Lied. Plötzlich! Ein spitzer Schrei! Schwuppdiwupp singen sie das „Tatort“-Motiv. Schon betreten Ermittler die Bühne. Der ganze Abend ist inszeniert im Wechsel von Spielszene und Musik. In Verdacht gerät zum Beispiel die Dirigentin, hat sie doch von der Toten immer ein paar Scheinchen bekommen, damit sie die Soli bekommt. Sie ist nun hin, aber eine Nachfolgerin für Schein und Sein schnell gefunden.

Die passenden Lieder kommen von den Ärzten, von Anna Depenbusch, Bodo Wartke, Rainhard Fendrich, Supertramp, Elton John und anderen. Der Mord wird natürlich im Laufe der zwei unterhaltsamen Stunden aufgeklärt. Die überwiegend vom Blatt gelesenen Spielzszenen hinken in der Qualität allerdings den frei vorgetragenen Liedvorträgen etwas hinterher, da wäre Nachschliff denkbar, Spontaneität hilfreich.

LoChorMotion probt wie alle anderen Chöre über Monate, bis ein Programm steht. In der Regel wird das schließlich ein- oder zweimal gesungen und verschwindet in den Archiven. LoChorMotion ist da ein Stück weiter, es gibt sogar eine kleine Tournee. Sie führt am Freitag, 8. September, um 20.15 Uhr in die Zinnschmelze Hamburg, am Freitag, 20. Oktober, um 19 Uhr in die Lauenburger Heinrich-Osterwold-Halle und am Sonnabend, 21. Oktober, um 19 Uhr in den OberstadtTreff Geesthacht.

Von Hans-Martin Koch