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Hier fliegen die Fetzen: (v.l.) Erika Döhmen, Janina Baier, Laura Remmler und Suzanne Andres. (Foto: t&w)

Akten pflastern ihren Weg

Lüneburg. Die Anika, die Barbara und die Silvia üben einen ganz wichtigen Beruf aus. Sie sitzen im Jugendamt und versuchen, das Leben von Kindern zu verbessern, die im Elternhaus grob vernachlässigt werden. Das ist kein Stoff für eine Komödie. Oder doch? Felicia Zeller hat vor zehn Jahren aus der Situation ein groteskes Stück Theater geschaffen, über dessen Ernst und Komik ab Freitag, 15. September, in der KulturBäckerei sinniert werden kann.

Spielen wird das Thomas Ney.Theater. Der Namensgeber allerdings hält sich raus. Denn „Kaspar Häuser Meer“ ist ein Stück für drei Frauen. Regie führt ebenfalls eine Frau, Laura Remmler aus Köln. Sie hat mit dem Theater bereits Yasmina Rezas „Kunst“ einstudiert.

Thomas Neys Theater gehört zu den freien Profibühnen, die in Lüneburg ihr Auskommen suchen. Das ist ein ziemlicher Drahtseilakt. Sie sind weitestgehend auf den Zuspruch des Publikums angewiesen, sonst können sie schlichtweg nicht überleben. Zuschüsse fließen schließlich nicht immer wie erhofft. Das war bzw. ist bei „Kaspar Häuser Meer“ der Fall; Ney versucht, per Crowdfunding den Etat aufzufüllen, aber auch das läuft nicht von allein.

Die Situation der freien Bühnen führt dazu, dass sie sich mit der Zeit verstärkt komödiantischeren und damit publikumsträchtigeren Stoffen zuwenden. Das Theater zur weiten Welt zum Beispiel fand mit Dea Lohers düsterem Stück „Am schwarzen See“ bei weitem nicht den erhofften Zuspruch. Es spielt nun Ende September wieder in der KulturBäckerei Philip Löhles bitterkomisches „Wir sind keine Barbaren“. Thomas Ney nimmt Mitte Okober seinen „Ekel Alfred“-Hit wieder auf. Nun aber „Kaspar Häuser Meer“ mit dem Theater gewordenem Jugendamt.

Erika Döhmen spielt die Silvia

Die Anika, die Barbara und die Silvia sind drei sehr verschiedene Frauen. Sie leiden aber alle an einer kompletten Überlastung, es gibt zuviele Fälle, sie kommen nicht hinterher. Die Akten und die in ihnen abgehefteten Schicksale fressen sie auf. Es kommt zu Spannungen, chaotischen Situationen und Szenen mitten aus dem verrückten Büroalltag. Den kennen viele, hier ist er zugespitzt zu erleben. „Lachen wird zum Ventil, es entlastet“, sagt Erika Döhmen, die das Stück gefunden hat und mitspielt. Sie ist die Silvia.

„Es ist genial, ein hartes Thema so aufzubereiten, dass man es miterleben will“, sagt Suzanne Andres, eine der beiden anderen Schauspielerinnen. Sie ist die Barbara. Die jüngste im Trio spielt die jüngste, die Anika. „Sie ist unerfahren, hoch motiviert, sie steigert sich rein und spürt doch die Chancenlosigkeit“, sagt Anika-Darstellerin Janina Baier.

Zu erleben sein wird eine „Überforderungskaskade“, kündigen die drei Frauen plus Regisseurin an. Jedenfalls wird der um 19.30 Uhr beginnende Abend auf der Burn-out-Skala – und auf dem Lachometer – ziemlich hoch anschlagen.

Von Hans-Martin Koch