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Als Bernd Uhde in Neuseeland Urlaub machte, sah er die roten Planen – und musste in die Luft. Foto: nh

Unwirkliche Wirklichkeit von Bernd Uhde

Lüneburg. Es kommt rätselhaft daher, es erinnert an abstrakte Kunst, es besitzt eine unmittelbar ansprechende Ästhetik, es teilt eine Aussa ge mit, es wirkt wie Malerei und ist doch keine. Es entsteht nicht ohne Risiko: Bernd Uhde hängt sich weit raus, aus einem Ultralight-Flugzeug, er steht auch mal auf den Kufen eines Hubschraubers, um senkrecht zu fotografieren, aus 300 Metern Höhe, mal deutlich mehr, mal etwas weniger. Die Ergebnisse verblüffen und sind unter dem Titel „Überblick“ jetzt in der KulturBäckerei zu sehen.

Uhde, geboren 1950, kam zu seinem Metier über Umwege, die bei näherem Betrachten gar keine sind. Er besuchte die Werkkunstschule in Düsseldorf, studierte in Berlin Freie Malerei und Visuelle Kommunikation, später machte er noch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin einen Abschluss in Regie und Kamera. Er arbeitete als Fotograf, Grafikdesigner und Dokumentarfilmer. Alles fließt in seine fotografischen Arbeiten ein.

Die andere Uhde-Seite: Mit seiner späteren Frau ritt er ein Jahr durch Neuseeland. Und in Eitzen I, also im Kreis Uelzen, res­tau­rierte er einen klassischen Niedersachsenhof.
Die Liste seiner Kunst- und Lebensprojekte ließe sich locker weiterführen, aber 2001 ging Uhde in die Luft, und das beschert ihm seither internationale Aufmerksamkeit. Uhde fotografiert aus vertikaler Perspektive Texturen von Stadt-, Indus­trie- und Naturlandschaften. Das geschieht mit einem scharfen Blick für Strukturen und Farbflächen und zeigt ganz oft, wie der Mensch in die Natur eingreift. Uhde sieht zum Beispiel Reifenspuren, deren Abdrücke maskenhafte Gebilde entstehen lassen. Oder Folien auf Feldern, die Wachstum beschleunigen sollen, die Folien können auch mal rot sein und ausgefranst. Ihn faszinieren gewerblich genutzte Komplexe und urbane Dachkon­struk­tionen, die surreal wirken. Er sieht eine Ufersituation am Meer, deren Strandfläche gemalt sein muss. Ist sie aber nicht.

Uhde arbeitet in Serien, sie drehen sich um „Landscapes“ oder „Urban Surfaces“, um „Traffic“ oder um ein „White Album“. Das hat nichts mit den Beatles zu tun, sondern mit Schneelandschaften, die sich in grafische und malerische Abstraktion verwandeln und eine tiefe Stille ausstrahlen. Tierspuren ziehen Linien, ein Vogelschwarm bewegt das Bild, das Geflecht von Bäumen spreizt sich ins Runde. Wie ein monochromes Bild im Bild erscheint ein eingeschneites Schwimmbecken.

Uhdes Bilder können wie Nahaufnahmen wirken, andere wie ein großzügiger Überblick. Mitunter wirken die Motive plastisch, sie verlocken zum Anfassen. Bei allem, was zu sehen ist, handelt es sich um Wirklichkeit, so unwirklich es auch erscheinen mag.

Die bis 1. Oktober laufende Ausstellung wird morgen, Sonntag, um 12 Uhr eröffnet. Einleitende Worte spricht der Kunsthistoriker Michael Stoeber.

Von Hans-Martin Koch