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Sie sehen sich nicht nur ähnlich, sie harmonieren auch als Erzähler wunderbar: Jonathan und Rufus Beck im ausverkauften Lüneburger Theater. Foto: lz/phs

Grüße aus Zamonien: Der alptraumfarbene Nachtmahr

Lüneburg. Alptraumbeamter. Diese Berufsbezeichnung hört der Nachtmahr nicht allzu gern. Wenn überhaupt, dann würde es Alptraumorganisator besser treffen. Aber auch dieser Begriff beschreibt nur unzureichend, was der Nachtmahr, der zugleich der schlimmste Alptaum überhaupt ist, alles leistet. Er ist gänzlich unerwartet im Leben der Prinzessin Dylia Insomnia aufgetaucht, hat sich eines Nachts auf ihren Brustkorb gepflockt, ihr die Luft abgedrückt und sie dabei schamlos angestarrt.

Es kann Gedanken riechen

Dieser hässliche Gnom, der in einer Art changierender Echsenhaut und im Kopf der Prinzessin steckt, der Gedanken riechen und den gesamten Hofstaat in den Winterschlaf schicken kann, macht Rufus Beck besonders viel Spaß. Rufus Beck, der sich mit den Harry-Potter-Hörbüchern auch in den Kopf vieler junger Fans gesetzt hat, gibt dem Erzähler und dem Nachtmahr in Walter Moers „Prinzessin Insomnia & der alptaumfarbene Nachtmahr“ eine unverwechselbare Seele.

Havarius Opal lautet der vollständige Name des sehr erfahrenen Nachtmahrs, der sich selbst für charismatisch, spektakulär und glamourös hält. Er verkündet der krankhaft schlaflosen Prinzessin: „Ein Alptraum kommt, um anschließend wieder zu gehen. Ein Nachtmahr kommt, um für immer zu bleiben.“ Bis Dylia, gesprochen von Jonathan Beck, begreift, dass der Nachtmahr weder Klartraum noch ein weiterer Versuch ihrer Entourage ist, sie in den Schlaf zu bringen, vergeht eine Weile.

Mit Rufus Beck auf Reise nach Zamonien

Rufus Beck und sein Sohn Jonathan nahmen das Publikum im ausverkauften Theater mit auf diese irrwitzige und erkenntnisreiche Reise, die später durch Dylias Gehirn ins Land der Angst, Amygdala, führen wird. Denn – Opal hat es gleich gewusst –, die Hochwohlgeborene will natürlich die „Große Tour“, den ganzen Wahnsinn in all seinen Stadien, bevor sie sich aus dem Fenster stürzt. Wie letztlich alle.

Jonathan Beck lässt eine kluge, eigenwillige, kapriziöse und mutige Prinzessin erwachen, die in ihrer Schlaflosigkeit den Momenten der Tagtraumekstase entgegenfiebert, um dann „alles zu denken, was denkbar ist“. Vor Beginn der Lesung – ein unzureichendes Wort für das Spiel der beiden – beschreibt Rufus Beck, dass gerade die Liebe zur und das Spiel mit der Sprache von Autor Walter Moers ihn beeindruckt haben.

Jan Orthey von Lünebuch, der das Sohn-Vater- Gespann auf die Theaterbühne geholt hatte, kündigt die beiden als „bestes Lese-Duo der Welt“ an. Und wer anfangs noch dachte, eine Nummer kleiner geht auch, stimmt Orthey nach wenigen Minuten zu. Das mag auch daran liegen, dass Jonathan bereits mit 16 Jahren bei Lesungen die Rolle des Harry Potters übernahm – allerdings „ganz zufällig“, als „ein junger Zuschauer aus dem Publikum“. Denn der deutsche Jugendschutz lässt Lesungen von Minderjährigen am späten Abend nicht zu. Wahrscheinlich um Alpträume zu vermeiden.

Der siebte Zamonien-Roman von Walter Moers

Lydia zeichnet Dylia „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ ist bereits der siebte Zamonien-Roman von Walter Moers, pardon: von Hildegunst von Mythenmetz, einem zamonischen Großschriftsteller, dessen Werke Moers „überträgt“. Der erste Roman „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erschien 1999. Seither wächst die Fangemeinde beständig an.

Natürlich wissen auch die Lüneburger Zamonier, dass sich beispielsweise hinter dem Anagramm Ojahnn Golgo von Fontheweg kein Geringerer als Wolfgang Johann von Goethe verbirgt. Aktuell steht Moers Meisterwerk der Sprachakrobatik auf Platz zwei der Spiegel Bestsellerliste Belletristik. Illustriert wurde das Leben der schlaflosen Prinzessin Dylia vom Lydia Rohde, die ihrerseits an Schlaflosigkeit leidet.

Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Buch-Cover. Vom Autor selbst ist nicht viel bekannt, denn er meidet seit Jahren die Öffentlichkeit. sel