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Hannelore Krome steht seit 2013 an der Spitze des Vereins. Rainer Pörzgen, der immer schon dabei war, ist ihr Stellvertreter. Foto: lz/oc

Schönes, Gutes, Wahres

Lüneburg. Diese Geschichte kann nicht ohne Heinz Kattner geschrieben werden. Den Lyriker aus Leestahl wird man heute zwar eher auf dem Golfplatz treffen als bei Lesungen. Er hat sich beizeiten aus dem Trubel der Kulturszene zurückgezogen, pickt heraus, was ihm gut tut. Aber vor 30 Jahren hat Kattner die Lüneburger Kulturlandschaft verändert und um einen Punkt entscheidend erweitert. Literatur war bis dahin kaum ein Thema in der Stadt und ist es heute Woche um Woche. Am 22. September 1987 gründete ein Team um Kattner die Literarische Gesellschaft, wenig später brachte er im heutigen Heinrich-Heine-Haus das Literaturbüro in Fahrt.

Den 30. Geburtstag begeht die Literarische Gesellschaft leiser als das Jubiläum vor fünf Jahren. 150 Mitglieder zählt der Verein, die Zahl ist stabil. Das Alter der Mitglieder liegt sicher bei 50plus, aber es kommen immer wieder Menschen hinzu, die den Literaturbegriff des Vereins teilen. Der orientiert sich nicht an Bestsellerlisten, sondern an Qualität – wobei das eine das andere nicht ausschließen muss.

„Wir wollen Brücken schlagen“, sagt die Vorsitzende Hannelore Krome. Das war schon zu Beginn so. 1987 gab es noch die DDR, die Wende war nicht in Sicht. Die Literatur der DDR sollte berücksichtigt werden, befand der junge Verein. Erster Gast war Günter Kunert: 1948 in die SED eingetreten, 1977 rausgeschmissen, 1979 fortgegangen in die Bundesrepublik. Brücken bauen blieb und bleibt ein Thema. 2018 zum Beispiel will die Literarische Gesellschaft junge chinesische Autoren vorstellen, in Kooperation mit dem Konfuzius-Institut in Hamburg.

Denis Scheck kommt im Dezember

Entscheidener Partner des Vereins ist das Literaturbüro. Mit dessen Geschäftsführerin Kerstin Fischer arbeitet die Literarische Gesellschaft ganz eng zusammen. Beide haben ihr Büro im Heine-Haus, und bei sehr vielen Veranstaltungen sind beide Einrichtungen als Veranstalter aufgeführt. Das ist am 28. September wieder der Fall: Dann liest im Rahmen der Reihe „Grenzenlos“ der junge, gerade mal 24 Jahre alte Franzose Édouard Louis aus seinem autobiographischen Roman „Im Herzen der Gewalt“ – Ort: Museum.

Wichtigster Punkt im aktuellen Programm und damit vielleicht so eine Art Geschenk zum 30. ist ein Abend mit dem Literaturkritiker Denis Scheck, dem populärsten Mann des Fachs seit Reich-Ranicki. Scheck kommt am 8. Dezember ins Rathaus. Thema: „Vom Schö­nen, Guten, Wahren — und vom Alber­nen, Über­flüs­si­gen und Banalen“.

Die Literarische Gesellschaft pflegt auch Formate, bei denen es nicht um Lesungen geht, sondern ums tiefere Eintauchen in bestimmte Lektüre. Das passiert beim Literaturkreis, den Renate Müller und Ingeborg Sudhölter pflegen, jeden drit­ten Mon­tag im Monat um 17 Uhr im ​Heine-​Haus, dem Hauptquartier der Literarischen mit dem schwerwiegenden Nachteil: Das Haus ist nicht barrierefrei. Am 18. September wird beim Literaturkreis Monika Marons Roman „Endmoränen“ verhandelt, am 16. Oktober Peter Härtlings „Das war der Hirbel“, am 20. November Lizzie Dorons „Ruhige Zeiten“, und am 18. Dezember geht der Blick zurück auf Goethes „Ital­ienis­che Reise“. Der Kreis ist offen für alle, erhofft wird, dass die Teilnehmer die jeweiligen Bücher gelesen haben.

„Begegnung mit Lüneburger Zeitzeugen“

Zu dem, was gern Alleinstellungsmerkmal genannt wird, gehören zwei jährlich wiederkehrende Veranstaltungen, um die sich Rainer Pörzgen kümmert, der stellvertretende Vorsitzende. Das ist Heines Ankunftstag, für den es immer am 21. Mai ein Programm gibt. Am 21. Mai 1823 hatte Heinrich Heine Lüneburg zum ersten Mal besucht bzw. seine Eltern, die im Haus Am Ochsenmarkt ein eher bescheidenes Auskommen gefunden hatten. Zweiter Punkt, an dem Pörzgen besonders liegt, ist der „Bloomsday“, der weltweit gefeiert wird, immer am 16. Juni, dem Tag, an dem „Ulysses“ spielt, der Roman von James Joyce. Leonard Bloom ist die Hauptfigur.

Neu ist eine Reihe, die Bettina Bertelsmann ins Leben rief und die mehr biographisch als literarisch ist: „Begegnung mit Lüneburger Zeitzeugen“. Es gab einen Abend mit Sonja Barthel und Edda Ullrich, am 26. September wird Dr. Reiner Faulhaber um 19.30 Uhr im Heine-Haus lokale Kulturgeschichte Revue passieren lassen.

„Aber die Leute sind nicht schlimm“

Hannelore Krome ist seit 2013 Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft. Mit im Vorstand sitzen neben ihr und Pörzgen noch Dr. Maria Moss, Axel Schmidt-Scherer und Anne Hamilton. Gründungsvorsitzender 1987 war Prof. Dr. Ottfried Hoppe. „Namedropping“ kann Hannelore Krome ohne Ende betreiben. Nahezu alle, die Klang und Namen haben in der deutschsprachigen Literatur, waren in Lüneburg: von Günter Grass bis Martin Walser, von Christa Wolf bis Ulla Hahn, und natürlich viele aus jüngeren Generationen wie der angekündigte Édouard Louis.

Über einen Zeitschriftenbeitrag zum 30. Geburtstag stellte Rainer Pörzgen das meistzitierte Heine-Wort: „Bildung ist hier gar keine; ich glaube, auf dem Rathhause steht ein Culturableiter. Aber die Leute sind nicht schlimm.“ Der letzte Satz stimmt.

Alles weitere steht im Netz: www.ligelue.de.

Von Hans-Martin-Koch