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Szene aus „Circuit“ von Robert Gwisdek: Ein Elektriker (Gwisdek) versucht, ein Zimmer zu verlassen und muss erkennen, dass er in einer Endlosschleife gefangen ist. Foto: lz/ff

Robert Gwisdek: Die Welt am Draht

Lüneburg. Wirklichkeit – das ist ein heikles Wort. Was soll das sein? Die Summe unserer individuellen Wahrnehmung? Oder das, was die Gemeinschaft definiert? Phi losophen haben sich über die Jahrhunderte mit diesem Problem herumgeschlagen, Schriftsteller natürlich auch. Und seit es leistungsfähige Computer gibt, mit denen ein ganzer Kosmos simuliert – beziehungsweise „erschaffen“ – werden kann, ist die Frage nach der Realität noch komplizierter geworden. Unter dem Titel „Virtual LiteReality“ haben die Schauspieler Lisa Natalie Arnold und Robert Gwisdek in der Scala Romantexte und Kurzfilme über Grenzgänge zwischen künstlichen und vermeintlich echten Welten vorgestellt.

Literaturfest Niedersachsen

„Raum“ lautet der Titel des Literaturfestes Niedersachsen 2017 der VGH-Stiftung, in Lüneburg vom Literaturbüro unterstützt Hier ging es also nun um das, was die Science Fiction dazu sagt. So manches, was einst als Phantastische Literatur galt, ist längst überholt. Skurril und visionär zugleich wirkt die Passage aus „Der futurologische Kongreß“ von Altmeister Stanislaw Lem (1921-2006), in der die Bewohner einer mit 20 Milliarden Menschen besetzten Endzeit mit Drogen in ein Paradies flüchten.

Ohne Computer kommen auch „Die Terranauten“ (2016 erschienen) von T.C. Boyle aus, der hier noch einmal, als Satire auf die TV-Reality-Shows, eine klassische „Welt unter der Glaskuppel“ geschaffen hat: In einem geschlossenen Ökosystem leben vier Frauen und vier Männer in einem engen, abgeschlossenen Ökosystem, das auf dem Mars installiert werden soll. Bald wird eine Terranautin schwanger – die Kuppel zu verlassen, kommt nicht in Frage.

Lisa Natalie Arnold und Robert Gwisdek.

Artikel in Fachzeitschriften für Modelleisenbahner lesen sich bereits wie Schöpfungsgeschichten (im Maßstab 1:87). Da wird wohl im Menschen eine tief verwurzelte Sehnsucht freigelegt. In der Literatur allerdings führt die Schaffung von neuen Welten fast durchweg zu Dystopien, zu Horrorvisionen von einer in die Enge getriebenen Menschheit, die entweder aus der Realität flüchtet, oder gar nicht mehr erkennt, dass ihre Umwelt nur im Rechner existiert und jederzeit von außen manipuliert – oder auch gleich gelöscht – werden kann.

Ein Klassiker der Virtual Reality ist „Simulacron 3“ von Daniel F. Galouye, in Deutschland von Rainer Werner Fassbinder 1973 als „Welt am Draht“ mit Klaus Löwitsch verfilmt: Aus kommerziellen Gründen ist eine ganze Stadt im Computer simuliert worden, von außen können sich zahlungskräftige Besucher in diese Welt einloggen, etwa um Marketing-Forschung über neue Produkte zu betreiben.

Irgendwann schöpft der Technische Leiter des Simulacron-Konzerns den Verdacht, dass auch seine eigene Welt nicht echt ist, denn es verschwinden Menschen. Wo ist das Tor zur höheren Ebene? Und ist die dann vielleicht auch nur eine Welt aus Bits und Bites?

Ein Mann ist in seiner Seele gefangen

Ein paar Schritte weiter führt die Kino-Trilogie „Matrix“ von Lana und Lilly Wachowski: Der versklavte Mensch dient mit seinem Körper – wie eine Batterie – nur noch als Energiequelle für die stromfressende computergestützte Scheinwelt. Mittlerweile hat der „Cyborg“, ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine, die Literatur und den Film erobert, in den 80er-Jahren wurde gar der Begriff des Cyberpunk für die Entwicklung düsterer Zukunfts-Räume (meistens Mega-Metropolen) geprägt, in denen der Bewohner nur noch als Getriebener auftritt.

Es geht auch eine Nummer kleiner: Zum Abschluss zeigte Robert Gwisdek seinen knapp 15-minütigen Kurzfilm „Circuit“. Ein Elektriker (Gwisdek) soll das Tastenfeld einer Türöffnungsanlage reparieren. Immer, wenn er das Zimmer auf der einen Seite verlassen will, gelangt er wie in einer Endlosschleife auf der anderen Seite wieder hinein. Der kahle Raum wird zum Bild für die Gefangenschaft des Menschen in der von ihm selbst geschaffenen Welt, da ist wohl seine Innenwelt, seine Seele gemeint.

Von Frank Füllgrabe