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Willi M. Westphal, Inge Schulz-Winter und Gero Braeutigam stellen im Heine-Haus aus. Foto: lz/ff

Aus einer abkippenden Welt

Lüneburg. Eine Partnerschaft über Jahrzehnte zu führen, das ist schon eine Kunst. So etwas gelingt nicht jedem und nicht jeder. Ehe hinterlässt Spuren, was ja n ichts Schlechtes sein muss, manche Paare werden sich immer ähnlicher, anderswo führen die gemeinsamen Jahre in die Isolation – bei gleichzeitiger Enge. Wie auch immer: Die Malerin Inge Schulz-Winter hat solche Paare beobachtet, Ergebnisse sind ab Freitag, 22. September, im Heine-Haus zu sehen.

Es ist nicht einfach, gemeinsam alt zu werden

„Blick zurück nach vorn“ heißt die Gemeinschaftsausstellung des Trios Art Projekt, das sind Gero Braeutigam, Willi M. Westphal und eben Inge Schulz-Winter. Ihre großformatigen, immer etwas verhangenen, melancholischen Acrylbilder sind als Zeitreisen ausgelegt. Was macht die Zeit mit dem Menschen? Zu sehen sind Begegnungen, eine alte Frau wird – angesichts ihrer Tochter – noch einmal mit ihrer eigenen Jugend konfrontiert. Ein Doppelwerk zeigt ein Paar erstens im rauschhaften Verliebtsein, zweitens in der stummen, misstrauischen, resignativen Spätphase, beide weiterhin attraktiv, aber verschlossen, unglücklich vermutlich, aber wer weiß das schon? Das düstere Ehepaar, das in einer anderen Momentaufnahme hinter Gardinen hervorschaut, ist da schon deutlicher von Frust und vielleicht sogar Hass geprägt.

Der Blick zurück nach vorn führt bei Willi M. Westphal zu graphischen Lösungen, zu plakativen Computerbildern mit ausgeräumten Flächen und knapp bemessenen realistischen Motiven – dem Auge vor allem, das bei dem Thema nicht weiter begründet werden muss. Es durchdringt Landschaften, dystopische Räume und solche, die in die Tiefe, in die monotone Unendlichkeit führen. Vordergründige Symbolik wechselt mit eher rätselhaften Zusammenhängen, Inhalt und kühle Optik sind sorgsam ausbalanciert.

Ganz anders: die opulenten Gemälde von Gero Braeutigam – „subrealer Symbolismus“ sagt er selbst dazu. Jede einzelne Arbeit erzählt komplexe Geschichten mit verschiedenen Seitensträngen. Eine schildert beispielsweise den Feldzug des Menschen, der die Kontrolle über die eigene Entwicklung verloren hat, sich in nahezu unbegrenzter Zahl die Erde untertan macht. Ein Kinderwagen (noch mehr Menschen!) hat eine Monsterfratze bekommen, Oben und Unten verlieren in dem Szenario einer abkippenden Welt ihre Bedeutung. In einem anderen Gemälde steht der Mensch an einer Wegkreuzung, aber welche Entscheidung er auch trifft, sie führt zuverlässig in eine Sackgasse. Solche Fehlentwicklungen schildert Gero Braeutigam pro Leinwand in zahlreichen Einzelkonflikten und beziehungsreichen Tragödien – ein Mensch von einer Schlange gefesselt, in einem Bild über die Justiz zerbricht ein Krug (siehe Kleist!), und manchmal gönnt sich der Maler auch kryptische Kalauer: Was erwirkt eine Axt, die eine Uhr zerstört? Ein Uhrteil…

Nicht ohne den Panikpräsidenten

Eine zweite Seite Braeutigams ist die Holzbildhauerei – beziehungsweise Holz-Kettensägerei. Der Skulpturen-Reigen führt vom Jugendlichen, dem das iPad vor den Augen die Sicht nimmt, bis zum „Panikpräsidenten“, natürlich trägt Udo Lindenberg Hut und die megacoole Sonnenbrille.
Auf der Vernissage am Freitag, 19 Uhr, spricht Treskow von Tordaj zur Einführung, die musikalische Begleitung gestaltet Michael Studt (Gesang, Gitarre). Die Ausstellung läuft noch bis 1. Oktober.