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Jan-Philip Walter Heinzel startet seine Lüneburger Zeit mit einer großen, anspruchsvollen Rolle. Foto: tonwert21

Das getaktete Leben: Medea am Theater Lüneburg

Lüneburg. Vorsicht vor diesem Mann! Er kann „Bühnenkampf, Stock- und Schwertkampf, Kickboxen, Bühnenakrobatik, Tanz, Improtheater, Singen, Krafttraining, Rettun gsschwimmen, Wirtschaftswissenschaften, Motorrad, Waffen- und Modellbau“. So steht es geschrieben. Er studierte European Business Studies in England und Schauspiel in Bern. Er hat drei Kinder zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Dabei zählt er gerade mal 38 Jahre, und nun ist Jan-Philip Walter Heinzel in Lüneburg angekommen und entpuppt sich als sehr freundlicher Mann, aus dem Gedanken nur so heraussprudeln. Heinzel ist der Jason in der „Medea“-Tragödie. Ein antiker Stoff, aber „näher an uns dran, als man denkt“, sagt er.

Es ist für Theaterverhältnisse früh, in der Kantine ist das Licht noch aus, und Heinzel hat schon ein bisschen Krafttraining hinter sich. Er schnappt sich eine Cola zero und erzählt vom „getakteten Leben“ mit seiner Familie, von einem Beruf mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten und so vielen anderen Dingen. „Verletzungsprävention“ zum Beispiel, das macht er auch. Im Theater und wohl nicht nur da würde er gern Kurse anbieten. Heinzel braucht das alles. „Nach einem emotionalen Monolog ist es nicht so leicht, wieder runterzukommen, da hilft es zu trainieren.“

Bio im Schnellwaschgang: 1979 in Kiel geboren. Studium. Noch ein Studium. Zwei Jahre Ensemble Staatstheater Mainz. Dann bis 2016 festes Mitglied am Theater Biel-Solothurn. Und nun hier. Er kannte den Lüneburger Intendanten Hajo Fouquet entfernt aus Mainzer Zeit, was beim Vorsprechen nicht entscheidend war. „Du hast eigentlich 20 Sekunden Zeit, jemanden zu überzeugen. Das ist hart, aber ich mag das.“ Heinzel hatte einen Poe­try-Slam-Text geschrieben – und schnell den Vertrag.

Heinzel ist ein Dynamo, er weiß, was er kann und was er will. Hinter seinem Tatendrang, auch hinter der Erfahrung, sich an einem Ort als Fremder zu erleben, dahinter steckt zugleich die Suche nach Verlässlichkeit. „Mir ist ein menschlicher Umgang im Theater wichtig geworden, und da muss es vor allem bei der Leitung stimmen.“ Das scheint ihm hier zu passen. Heinzel weiß natürlich, auf welch unsicherem Boden Theaterkünstler leben. „Man muss mit Enttäuschungen umgehen können. Das ist sicher in jedem Beruf so, aber man bekommt am Theater in der Regel immer nur einjährige Verträge, das ist wie ein Seiltanz.“ Seine Frau ist Bildende Künstlerin, einigermaßen ortsungebunden.

„Ein toller Anfang“, sagt Heinzel und meint den Jason, die männliche Hauptrolle in „Medea“. Jason ist der Mann, der Medea um der besseren Partie und der Karriere willen verlässt. Das löst die mörderische Raserei Medeas aus. „Mich faszinieren Frauen, vor denen man Angst hat“, sagt Heinzel. Medea ist für Heinzel eine Frau wie Uma Thurman im Film „Kill Bill“, nichts gilt mehr. . .
Medea sei bereit, für ihre Überzeugung und ihre Gefühl alles zu tun. An der Stelle öffnen sich Fragen des Stücks: Wie weit bin ich bereit, für meine Überzegung zu gehen? Über den Verstand hinaus? Muss ich Regeln folgen, wenn ich verraten und verstoßen werde? Lebe ich nach der Liebe oder nach Vernunft?

Heinzel spielt nicht nur den Jason, er hat auch die Kampfszenen einstudiert. Er kann, er will sich verausgaben, vor und hinter der Bühne – und auch außerhalb des Theaters.

Von Hans-Martin Koch

„Medea“, das Stück Rache und Verzweiflung

Fast 2500 Jahre alt ist die Tragödie „Medea“, die der griechische Dichter Euripides im Jahr 431 vor Christi schrieb. Euripides nutzte die Argonautensage für eine Geschichte über die Königstochter Medea, die von ihrem Mann Jason verstoßen wird und sich grausam rächt, wobei sie selbst ihre eigenen Kinder tötet.

Der Medea-Stoff wurde immer wieder aufgegriffen, neu geschrieben, vertont und verfilmt, etwa von Pasolini mit Maria Callas in der Titelrolle. In der Lüneburger Inszenierung von Thomas Ladwig spielen in Martina Stoians Bühnen- und Kostümbild Beate Weidenhammer (Medea), Jan-Philip Walter Heinzel (Jason), Matthias Herrmann (Kreon), Fabian Kloiber (Ägeus), Britta Focht, Stefanie Schwab, Tülin Pektas, Paul Brusa, Max Hofmann, Leonhard von Freymann, Arne Wachtel, Jakob von Mansberg.