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Dietger Luckow in seiner Scharnebecker Ausstellung. Sie wird am Sonnabend eröffnet. Foto: lz/oc

Mit dem zweiten Blick sieht man besser

Scharnebeck. Wird über die Kunst von Dietger Luckow gesprochen, fällt unweigerlich der Begriff des Zufalls. Er spielt in Kunst und Musik des 20. Jahrhunderts un d darüber hinaus eine gewichtige Rolle. Die Frage ist nur, gibt es ihn überhaupt?

John Cage warf Münzen auf ein Notenblatt. Niki de Saint Phalle schoss auf vorher an der Leinwand befestigte Farbbeutel, und Udo Lindenberg, so er als Bildender Künstler durchgeht, drosch mit jedem Schlag auf seine Drums Farbspritzer auf Leinwand. Dietger Luckow arbeitet nicht impulsiv, er lässt Farbe in Nesselstoff eindringen, wringt und faltet ihn, lässt ihn trocknen, wiederholt den Vorgang, 50-mal und öfter. Der Zufall spielt dabei eine Rolle, aber er relativiert sich: Es gibt einen erwarteten Prozess und ein unerwartetes Ergebnis. Letzteres zählt. Davon ist auf dem Kulturboden viel zu sehen – und sehenswert ist es!

Dietger Luckow ist freischaffender Künstler

Dietger Luckow, geboren 1940, lebt seit 50 Jahren als freischaffender Künstler in Bardowick. Er stammt aus Pommern, studierte in Berlin, wurde von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert, lebte in Spanien und erhielt alle Kulturpreise, die in der näheren Region Lüneburgs zu bekommen sind. Luckow ist weder ein Lautsprecher noch ein Schnellproduzierer noch ein Marketingmann. Aber er ist einer der profiliertesten Künstler weit und breit. Man muss nur hinsehen.

Der erste Blick lässt Luckows Werke monochrom in starken Farben leuchten und ziemlich hermetisch wirken. Große Formate, sie springen ins Auge. Der zweite Blick, aus näherem Standpunkt, führt zum Entdecken und zum möglichen Verstehen. Die Spuren des immer neu aufgenommenen Vorgangs sind zu sehen, der haptische Eingriff des Faltens führt zu plastischen Wirkungen. An anderen Stellen öffnet sich die geschlossene Farbschicht zu darunterliegenden und tiefer. Spürbar wird die Mühsal des Prozesses. Immer wieder gibt Lu­ckow Farbe auf das Werk, das am Boden liegt und nach zwei Monaten oder länger zu einem Punkt gelangt, an dem Luckow sagt: Genug!

Der erste Eindruck ist immer trügerisch

Manche der Farbtücher werden mittig mit schmaler vertikaler Naht verbunden. Die Werke erscheinen von weitem spiegelbildlich. Aber wieder lehrt der Blick aus der Nähe, dass der erste Eindruck eine trügerische Angelegenheit ist: Das, und vielleicht nur das, lässt sich aus Luckows Werk als so etwas wie eine Botschaft herausziehen. Botschaft, das wiederum ist ein Begriff, der ihm zu „laut“ sein dürfte.
Schon in seinem frühen Werk arbeitete Luckow mit Überlagerungen. Das Übereinanderschreiben von Text führte zu ähnlichen Prozessen der Fern- und Nah-Wahrnehmung wie bei den Farb- und Maltüchern, die prägend für den Künstler wurden. Luckow gibt seinen Werken keine Deutung mit auf den Weg, sie heißen zum Beispiel „Zwei Farbtücher mit Orangegelbdominanz“. Der Rest ist Sache des Betrachters.
Zu sehen sind in Scharnebeck Werke aus den Jahren 2008 bis 2017. Nema Heiburg gibt morgen, Sonnabend, um 16 Uhr eine Einführung in die Ausstellung, die bis zum 14. Oktober freitags von 16 bis 18 Uhr öffnet, sonnabends von 15 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 13 Uhr.

Von Hans-Martin Koch