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Beate Weidenhammer spielt Medea und zeigt die Zerrissenheit einer Frau, die ihre eigenen Abgründe nicht überwinden kann. Foto: tamme/theater

Verzweiflung, Wut und Rachedurst

Lüneburg. Es gibt da eine Vorgeschichte. Die Dame ist nicht zimperlich, wenn es um ihre Interessen geht, und sie setzt zauberhafte Kräfte ein. Prompt zerstückel n schon mal Kinder ihren Vater und kochen ihn, weil Medea es so will – alles aus Liebe. Aber nun, dank Euripides auf dem Theater angekommen, stößt diese Medea grauenhafte Urschreie aus. Durch Mark und Bein dringt ihr Geheul aus . Denn Jason, der Mann, für den sie über Leichen ging, gönnt sich eine bessere Partie. Das kann, das darf nicht sein und wird in eine Katastrophe münden. Es schüttelt jeden im Saal durch, was Regisseur Thomas Ladwig und Team auf die Bühne bringen.

Euripides schrieb die Tragödie der Medea vor bald 2500 Jahren, und was bricht für eine Wucht aus diesem Stück?!?! Was reißt es für Fragen auf, auf die wir noch immer Antwort suchen? Medea, die „Ratwissende“, hat bei Euripides einen Punkt ohne Aussicht erreicht. Sie ist endlos allein. Flüchtling in einem fremden Land, ohne Hilfe, ausgespuckt von allen und in neue Verbannung getrieben. Sie hat zwei Kinder, sie liebt sie, aber sie sind kein Trost. Sie will Jason noch immer. Einmal umklammern sie sich und stoßen einander zugleich ab, ein Bild fürs ganze Stück! Doch sie wird rasen gegen ihn, gegen seine neue Familie und gegen sich selbst. Sie wird Terror säen und weiterziehen.

Es ist der Abend der Beate Weidenhammer

2012 kam Beate Weidenhammer ans Theater Lüneburg. Sie spielte große Rolle, sie spielte kleine Rollen. Aber nun verkörpert sie Himmel und Hölle in einer Person, zugegeben, mehr Hölle als Himmel. Ihre Medea ist ein Abgrund, Weidenhammer spielt sie als Frau mit eiskaltem Verstand und heißem Herzen. Perfides Kalkül und entgrenztes Gefühl zerreißen diese Frau, die bezaubert – und entzaubert ist. Beate Weidenhammer hängt sich total rein, spielt eine so glaubwürdige wie furchterregende Frau, sie elektrisiert in Dauerpräsenz und mit Massen an Text. Weidenhammer trägt den Abend.

Alle haben Angst vor dieser Medea, auch sie selbst. Nur die Kinder nicht, sie sind voller Urvertrauen. Das hilft ihnen nicht. Wieviel Verrat verträgt ein Mensch? Welche Grenzen darf ich einreißen und wann? Warum vergesse ich, was ethisch geboten ist? Wie kann ich einen Riss quer durch die Seele kitten, wie Schuld ertragen? Wenn ich an nichts mehr glauben kann, auch nicht an Gott oder Götter, wohin? Und und und.

Regisseur Thomas Ladwig hat eine Form gefunden, diesen schweren, von Deutungen überladenen Stoff schlank aufzubereiten, nachvollziehbar und spannend. Er konzentriert die Geschichte, macht ihre Gegenwärtigkeit deutlich. Stoppt die Raserei, dann ist nur Musik zu hören, steht unsagbare Trauer im Gesicht Medeas. Das sinnfällige Bühnenbild von Martina Stoian zeigt, wie die Erde aufplatzt. „Medea“, das ist ein Erdbeben, die Wellen rücken immer näher.

Jason, ein Mann der Tat, stößt an seine Grenzen

Der Gegenpart zu Beate Weidenhammers Medea ist natürlich Jason. Er will Medea seinen Seitenwechsel als Vorteil für sie verkaufen. Medea nutzt diese Vorlage für ihren Rachezug, um Jason nur umso tiefer fallen zu lassen. Jan-Philip Walter Heinzel spielt mit körperlicher Präsenz Jason als Mann der Tat, der brutal an seine Grenzen stößt. Medea ist eben nicht die Frau, die er folgenlos verstoßen kann. Jason bricht zusammen, stürzt die Treppe hinunter und wird sich winden wie ein Wurm. Er kann Medea nicht mehr ansehen, er scheint im Boden versinken zu wollen. Auch Heinzel führt in Bereiche, die sich mit normalem Menschenverstand nicht ermessen lassen.

Alle anderen müssen ein Stück weit verblassen. Die Vier, die den Chor bilden, lässt Ladwig wie teilnehmende Beobachter agieren. Sie stehen mal über, mal in den Dingen, Britta Focht, Tülin Pektas, Stefanie Schwab und Paul Brusa spiegeln Ohnmächtigkeit. Matthias Herrmann spielt einen Kreon, der Medea des Feldes verweist und seinen weichen Anteil kaum deckeln kann. Dass keiner schuldbeladen zur Welt kommt, zeigen die Kinder – das sind im Wechsel Leonhard von Freymann, Max Hofmann, Jakob von Mansberg und Arne Wachtel. Sie sind ganz wichtig in diesem Stück.

Am Ende von Euripides‘ „Medea“ ist der Mythos nicht am Ende. Philip Richert (ab der dritten Vostellung Frank Hangen) spielt Ägeus, den Mann, der Medea eine Zuflucht zusichert. Sie wird sich das begehrte Goldene Vlies, mit dem so viel Arges begann, umhängen und gehen. – Es gibt da aber jenseits von Euripides eine Nachgeschichte. Die Flucht ist nicht zu Ende.

Diese Euripides-Konzentrat bietet einen packenden Einstieg des Schauspiels in die neue Spielzeit. Daran hat Hilke Bultmann als Dramaturgin großes Verdienst. Der Beifall setzt eher ruhig ein, will dann kaum enden.
Von Hans-Martin Koch