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Karl-Ernst Gaertner ist seit Jahrzehnten in der Kunstwelt präsent, jetzt öffnet seine erste Lüneburger Solo-Ausstellung. (Foto: t&w)

Intellekt und Intuition

Lüneburg. Karl-Ernst Gaertner kommt sofort zur Sache. „Guten Tag. Ich habe ein Motto: Das grafische Auge entdeckt im Lichtschatten eine aktive Linie.“ Das ist in der Tat eine Ansage. Die muss sacken. Aber sofort steckt der Ausstellungs-Vorbesucher mittendrin in einer durchdachten, vergeistigten und dennoch unmittelbar ansprechenden Welt der Kunst. Die Bilder des Lüneburgers lassen sich natürlich so lesen, wie ihr Schöpfer sie meint, also aus einem tief durchdrungenen künstlerischen Prozess heraus. Gaertners Umgang mit Linien, Formen, Farben, Techniken und Traditionen ist aber auch ohne Unter- und Überbau bemerkenswert.

Seit drei Jahren wohnen die Gaertners wieder in Lüneburg, nah zur KulturBäckerei, wo zurzeit Papierschnitte und manuelle Drucke zu sehen sind. In Lüneburg wurde Gaertner 1942 geboren, hier ging er zur Schule, wurde er Schriftsetzer, später Luftbildfotograf. Schließlich studierte er Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Gaertner arbeitete als Layouter, als Fotograf, als Grafiker, als Dozent und immer mehr als Künstler.

„Im Lichtschatten“ heißt seine erste Einzelausstellung in Lüneburg. „Geht das Licht, bleibt die Linie“, sagt Gaertner. Er stellt das Tafelbild in den Mittelpunkt, das „über den Umweg über den Geist direkt ins Nervensystem geht“. Man muss diese Gedankenflüge Gaertners so direkt nehmen wie seine Kunst. Man kann dem nachgehen oder es auch einmal stehen lassen.

Papierschnitte als zentrales Medium

Zentral im Artrium sind die Papierschnitte. Sie entwickeln sich aus übereinanderliegenden Papierbögen, die Gaertner selbst einfärbt. Sehr oft bringt Gaertner Licht und Schatten, also Hell und Dunkel, in einen Dialog, ebenso Fläche und Linie. Das klingt und ist vom Konzept her abstrakter, als es dann am Ende aussieht. Auf fast allen Bildern rückt der Mensch ins Zentrum, auch da finden sich Polaritäten: das Männliche und das Weibliche. Das Modell und der Zeichner. Das Abstrakte und das Konkrete. Die Figur und der Raum. Immer verbunden mit der Frage, was das eine mit dem anderen macht.

Manchmal bekommen die Bilder oder Bildfolgen eine narrative Bedeutung mit auf den Weg. Auch dann geht es um Wahrnehmung und um Gaertners Kernfrage, die ebenfalls als ein Motto zu sehen ist: „Wie findet das Leben den Weg in die Kunst, und wie findet die Kunst den Weg in das Leben?“

Gaertner bezieht sich mitunter aufs Bauhaus, und wer gelegentlich Einflüsse von Futuristen, Expressionisten und Kubisten sieht, liegt nicht falsch. Sein Triptychon „Entzückt“ versteht Gaertner als Hommage an den berühmten japanischen Holzschneider und Zeichner Hokusai. Die drei Bilder entwickeln allein über die Farbe enorme Kraft. Das Blau stehe für Intuition, das Rot für Begeisterung, das Gelb für konkrete Freude – von elementaren inneren Zuständen spricht Gaertner.

Das Oeuvre Gaertners ist breit und gedanklich tief unterfüttert – und bis zum 15. Oktober eine Entdeckungsreise wert.

Von Hans-Martin Koch