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Angekommen: Die Zwerge lieben das Schneewittchen.

Besuch bei Chef und Pimpel

Lüneburg. Sie heißen Naseweiß und Grumpy, Leuchte und Happy, Chef, Schlafmütz und Pimpel: Diese sieben Herren, Bergarbeiter im Hauptberuf, leben seit langem in einem gemeinsamen Haushalt. Jetzt hat diese etwas seltsame WG eine Mitbewohnerin, die ihnen den Laden aufräumt. Wie das Verhältnis der Herren zu der neuen Putze nun genau beschaffen ist, darüber haben sich Geisteswissenschaftler, die es gern kompliziert machen, immer mal wieder den Kopf zerbrochen. Im Lüneburger Theater (T.3) aber wird die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen in ihrer reinsten, märchenhaftesten Form erzählt, nämlich vom Ballett-Ensemble.

Regie führte Olaf Schmidt, der auch als projiziertes Zauberspiegelbild („Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber…) zu sehen ist. Ein schöner Einfall der Inszenierung, in der ohnehin einige witzige Ideen stecken. Das Ballett richtet sich an Zuschauer ab fünf Jahren und bleibt weitgehend im historischen Kontext – anders ließe sich das klassische Konkurrenz-Motiv vom Machtkampf zwischen Tochter und Stiefmutter und der Angst vor dem sozialen Abstieg wohl auch kaum glaubhaft transportieren. Die dämonische Begegnung Schneewittchens (Gabriela Luque) mit der schönen, aber eiskalten neuen Königin (Giselle Poncet) zählt zu den eindrucksvollsten Momenten der rund einstündigen Inszenierung. Dazu passt, dass Olaf Schmidt keine Kindermusik auswählte, sondern Motive aus Edward Griegs „Peer Gynt“, aus der „Sizilianischen Vesper“ und aus „MacBeth“ von Verdi, dazu „Syvia“ und „Le roi s`amuse“ von Leo Delibes.

Auf der anderen, der heiteren Seite: die Zwerge, die in ihrem Charme irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Tolkiens „Der kleine Hobbit“ marschieren – freundliche Kobolde, die im Gegensatz zur strengen Hierarchie am Hofe der Königin das Banner der Anarchie hochhalten. Ihre Namen basieren natürlich nicht auf der Überlieferung der Brüder Grimm, sondern – einmal mehr – auf einem Film von Walt Disney. Das ist ohnehin so ein Phänomen, dass unsere Erinnerungen an Klassiker (wie zum Beispiel der „Zauberlehrling“, der auch schon im T.3 getanzt wurde) heute eher von Hollywood geprägt wurden. Aber das muss ja nicht gleich etwas Schlechtes sein.

Wie auch immer: Das Lüneburger Schneewittchen ist wunderschönes Ballett, an dem die Kinder wie die Erwachsenen ihre Freude haben, mit klassischem Spitzentanz und ein wenig Slapstick – etwa, wenn Schlafmütz mal wieder die wichtigsten Momente verpennt. Auf einen gläsernen Sarg wurde übrigens verzichtet, Schneewittchen kullert einfach von der Bahre, die Geschichte kennt ohnehin jeder.

Neben Giselle Poncet und Gabriela Luque tanzen – in verschiedenen Rollen – Wout Geers, Wallace Jones, Anibal dos Santos, Phong Le Thanh, Júlia Córtez, Rhea Gubler, Francesc Fernández Marsal und Claudia Rietschel. Die Kostüme schuf Claudia Möbius, die Bühne (mit sieben rollenden Bergen) richtete Barbara Bloch ein. Über Erfolg konnten sich alle Beteiligten schon freuen, bevor sich der Premieren-Vorhang hob: Alle Termine sind – ganz oder bis auf Restkarten – ausverkauft, weshalb es bereits drei Zusatzvorstellunge gibt: für Kindergärten und Schulen am Mittwoch, 8. November, 10 Uhr, sowie für Familien am Sonnabend, 2. Dezember, 15 und 17 Uhr.

Von Frank Füllgrabe