Donnerstag , 20. September 2018
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Es bleibt nur Asche: Raffaela Kraus in der Regie von Dirk Schattner. Foto: lz/ff

Kriege kennen keine Sieger

Lüneburg. Am Ende bleibt nur ein Häufchen Asche. Das ist es, was der Krieg mit den Menschen macht – Tod und Vernichtung. Wer dennoch überlebt, trägt die Verwüst ung in sich, es gibt keine Sieger. Darum dreht sich ein Theaterstück, das zweieinhalb Jahrtausende vor dem Holocaust und der Atombombe entstand: die „Orestie“ des griechischen Dichters Aeschylus (525 bis 456 vor Christus). Das zeitlose Werk, vielfach neu gedeutet und inszeniert, bildete nun den Auftakt des 43. Festivals Neue Musik im Glockenhaus.

Einmal keine Panzer im Maisfeld

Die „Elektra-Reflektionen“ der aus Georgien stammenden Dramaturgin Nino Haratischwili greifen eine Protagonistin der antiken Tragödie heraus, eben die Elektra. Agamemnon, König von Mykene, zieht mit seinem Sohn Orest in den Krieg um Troja. Zu Hause bleiben seine Frau Klytemnestra und deren Geliebter Aygisthos sowie die Töchter Elektra und Thea. Jahre später kehrt Agamemnon zurück und stirbt in der ersten Nacht daheim. Alle glauben an Selbstmord, nur Elektra ist überzeugt, dass ihre Mutter und deren Geliebter Mörder sind. Sie hofft auf Orest, der Rache nehmen soll.

Das also ist die klassische Grundlage – Aeschylus hat übrigens für Athen an der Schlacht bei Marathon gegen die Perser teilgenommen, in dem Kampf wurde sein Bruder Kynaigeiros getötet. Haratschwili erzählt in ihrer Fassung von der Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein der Betroffenen: den Soldaten, die nicht vergessen, und ihren Angehörigen, die ihnen nicht beistehen können. Der Regisseur Dirk Schattner entwickelte daraus ein Bühnensolo, ein modernes Labor-Szenario: Die Hamburgerin Raffaela Kraus spielt eine Wissenschaftlerin im grünen Kittel, die das Geschehene zu analysieren versucht, sich Notizen macht. Die Asche, also das Relikt des Hauses von Agamemnon mit seinen Bewohnern, wird in Gläser gefüllt. Diese nüchternen Urnen werden – auf Klebeband – mit den Namen der Toten gekennzeichnet.

Doch der Monolog der modernen Elektra passt nicht zu der kühlen Distanz einer Pathologin. Sie weigert sich, Krieg als unabwendbare Naturkatastrophe hinzunehmen: „Einmal keine Panzer im Maisfeld (…), einmal sich nicht für blöd verkaufen lassen“ – hinter jedem Massaker stecken nun mal Menschen, Machthaber.

Gleich drei Jubiläen sind zu feiern

Natürlich gibt es auch Musik, gespielt von Gastgeber Helmut W. Erdmann (Flöten), Goran Lazarevic (Akkordeon), Martin Andres Donoso Vera (Gitarre) und Luong Hue Trinh (Elektronik). Es sind, wie es sich für so ein Festival gehört, eher ruppige Klänge, zu hören in 14 Szenen, die den Protagonisten zugeordnet sind – Einschläge, Stürme, eine bundlose E-Gitarre erzeugt mit einem E-Bow das Jaulen einer Sirene. Abgerundet wurde das Szenario von einem Video (Stefan Troschka), das kühle Muster zeigt.

All das spielten die Künstler vor wenigen Zuschauern – für den Gründer und Leiter des Festivals, also Helmut W. Erdmann, keine neue Erfahrung. Birte Schellmann, Vorsitzende des Kultur- und Partnerschaftsausschusses der Stadt, verwies auf die Beachtung, die das Lüneburger Festival überregional erfahre, und ermutigte die Macher, nicht aufzugeben: „Wir hätten einen Ruf zu verlieren.“ Erdmann sprach von zwei aktuellen Jubiläen: 20 Jahre Kooperation der Hochschule für Musik und Theater Hamburg mit dem Fortbildungszentrum für Neue Musik Lüneburg, und zehn Jahre Kooperation mit der Gesellschaft für Neue Musik Hamburg und dem Fortbildungszentrum in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Komponistenverband. Noch ein Anlass zur Gratulation: Helmut W. Erdmann feiert 70. Geburtstag.

Heute, Mittwoch, führt das Festival in den Wasserturm. Dort beginnt um 19 Uhr eine Hommage an Hildegeard von Bingen, gespielt von Mirjana Petercol (Akkordeon und Portativ).

Von Frank Füllgrabe