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Eine Hand pumpt, eine Hand musiziert: Mirjana Petercol spielt auf dem Portativ Kompositionen aus dem Mittelalter. Foto: ff

Konzert mit Mirjana Petercol

Lüneburg. Auf den ersten Blick sieht das Portativ aus wie eine Ritterburg für Kinder, mit vielen Türmchen und sogar kleinen hölzernen Zinnen. So etwas würde man in einem Montessori-Kindergarten erwarten. Aber in einem Festival für Neue Musik? Tatsächlich spielt Mirjana Petercol die kleinste und historisch erste ernst zu nehmende Kirchenorgel der abendländischen Kunstgeschichte, was immer noch nicht die Frage nach der Neuen Musik beantwortet. Nun aber: Im Lüneburger Wasserturm schlug die gebürtige Kroatin einen Bogen von Hildegard von Bingen zu zeitgenössischen Kompositionen, die sich teilweise auf die mittelalterliche Mystikerin beziehen.

Klostergründerin als gewiefte Realpolitikerin

Hildegard von Bingen (1098-1179) war Benediktinerin, Äbtissin, Klostergründerin. Sie gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters – „ein echtes Universalgenie“, so Mirjana Petercol. Die überlieferten Schriften der Heiligen befassen sich mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie.
Hochstehende Persönlichkeiten hörten auf ihren Rat, davon kündet eine Reihe von Briefen. Hildegard von Bingen muss eine gewiefte Realpolitikerin gewesen sein. Die Kirche in Rom versuchte immer wieder, mit willkürlichen Verordnungen und Verboten (zum Beispiel, in Kirchen zu musizieren) Macht auszuüben, und die Benediktinerin schaffte es meistens, solchen Drangsalierungen auszuweichen.

Das Portativ ist also, wie der Name sagt, tragbar, was in den Kirchen und auf den Marktplätzen des Mittelalters natürlich praktisch war. Zwei Oktaven in einer mittelalterlichen Stimmung, der pythagoreischen (quintenreinen) Stimmung, das reicht nicht für die komplexen Werke eines Johann Sebastian Bach, im Barock verschwand das Instrument. Aber heute vermittelt es eine gute Vorstellung, wie wohl die Kompositionen der Hildegard von Bingen, die Psalm-Vertonungen etwa, seinerzeit geklungen haben. Mirjana Petercol, selbst umfassend ausgebildete Kirchenmusikerin, ist auch eine kompetente Sängerin. Sphärisch, leise, ein wenig geheimnisvoll, das ist der Klang der mittelalterlichen Klöster – die Architektur des Wasserturms diente als stimmige Kulisse. Dabei war Hildegard ein robuster, lebensfroher Mensch, „eine lustige Theologin“, so Petercol, „der das Werden wichtiger war als das Sterben“. Und so mögen die kleinen Zinnen auf dem Portativ wirklich als Burg gedeutet werden – Musik schützt die Seele.

Vertonung einer Geheimsprache

Mit dem Bajan, dem russischen Knopfakkordeon, führte Mirjana Petercol in die Gegenwart, zu Diana Cemeryte, Sofia Gubaidulina und Violeta Dinsco, die mit „In lingua ignote“ explizit eine Hommage an Hildegard von Bingen komponierte. Das sind dann Werke, in denen das Akkordeon (im Grunde ja auch eine tragbare Orgel) flüstert, schnauft, kracht, schreit, donnert – ein Ringen mit dem Teufel und all den irdischen Quälgeistern. Es gibt sogar die Vertonung einer Geheimsprache, die Hildegard schuf – warum auch immer. Von den rund 1100 überlieferten Worten sind nur wenige entschlüsselt.

Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. Andreas Rösing

    Ein sehr beeindruckendes Konzert auf einem weithin unbekanntem Instrument, dem Portativ, sowie dem Akkordeon.
    Die Hintergrundinformationen und die Darbietung zeigten das Einfühlvemögen von Frau Petercol, so dass der Funke auf das Publikum überspringen konnte.
    Die zeitgenössische Musik auf dem Knopfakkordeon als Alternative zur mittelalterlichen Musik von Hildegard von Bingen auf dem Portativ stellte eine weitere Betonung vom Können der Interpretin dar.
    Ein gut ausgewähltes Programm für die schöne Kulisse des Wasserturms.