Mittwoch , 19. September 2018
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Jessica Kulp, Constanze Straub und Lutz Wiedemann präsentieren Arbeiten zum Thema „Dimension“. Foto: ff

Raus aus der Fläche

Lüneburg. Ein Bild ist ein Bild und besteht aus Fläche. Eine Skulptur kann man drehen und wenden, von allen Seiten betrachten. Kunst ist zwei- oder dreidimensio nal, doch anders als ein Film im Kino gibt es hier einen Unschärfebereich. Um den dreht sich die Ausstellung „Dimension“ im Heinrich-Heine-Haus: Malerei und Objekte, dazu bildhafte Darstellungen, die sich von der Oberfläche lösen. Constanze Straub, Vorsitzende des Bundes Bildender Künstler Lüneburg, stellt mit der Ausstellung zugleich zwei BBK-Neuzugänge vor: Jessica Kulp und Lutz Wiedemann.

Variationen über den Blick aus dem Fenster

Jessica Kulp, 1981 in Henstedt-Ulzburg geboren, gerade mit dem Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg ausgezeichnet, schaut gern daheim in Rehlingen aus dem Fenster, was zu der bisher zwanzigteiligen Öl-auf-Leinwand- Serie „Wandlung“ geführt hat: Variationen über eine Position, eingefangen ist der Wechsel der Natur wie der Wechsel der Wahrnehmung, dabei ist der Malprozess mit seinem Verzicht auf Details und der Betonung von Stimmungen nicht so spontan, wie man annehmen möchte, es gibt Pläne, Entwürfe, Skizzen. Anderswo zeigt die Malerin kleine Objekte, bei denen immer noch Elemente der Malerei im Vordergrund stehen: Stoffbändchen, lose auf auf Spanplatte geklebt, wirken aus der Distanz wie schwungvolle Federstriche, wie Kalligraphie vielleicht, manchmal lassen sich auch Motive erahnen. Da kommt noch eine zweite Form, eine Schale, da wird es schon konkreter (Regenschirme? Blumenblätter?), immer jedenfalls geht es um die behutsame Lösung von der Fläche.

Bei Lutz Wiedemann ist die Sache klar. Der Fotograf, Land-Art-Künstler, Holz- und Steinbildhauer, 1960 in Barsinghausen geboren, heute in Hodenhagen lebend, zeigt Objekte, die umrundet, von allen Seiten betrachtet werden wollen. „Varignon“ beispielsweise zitiert den Mathematiker Pierre de Varignon: „Die Figur, die man erhält, wenn man die Seitenmitten eines beliebigen Vierecks miteinander verbindet, ist immer ein Parallelogramm.“

Material entwickelt ein Eigenleben

Das klingt akademisch, tatsächlich geht es Wiedemann um die Flächen- und Linien-Gebilde, die in so einer Grundkonstruktion stecken. Dynamik und Rhythmik von Varignon werden auch vom Material bestimmt, der Kalkstein ist mit Stoffen und Bändern umwickelt, die wie Schraffierungen wirken. Bitumen und Gipsspachtelmasse, Asche und Marmormehl: Constanze Straub arbeitet zunächst wie eine Malerin, die Materialien entwickeln aber beim Auftragen, Wegnehmen und wieder Auftragen ein ausgeprägtes Eigenleben: Es gibt Faltungen, Risse, Grate, Kämme, die Assoziation einer aufgewühlten, manchmal explodierenden Steinlandschaft ist fast immer da. Um so irritierender ist der Effekt, wenn sich aus dieser geologischen Malerei Motive abzeichnen, ein düsterer Turm zum Beispiel. Constanze Straub, 1960 in Lüneburg geboren, lebt und arbeitet in Hohnstorf als Grafikdesignerin, Fotografin und Malerin.

Auf der Vernissage am Sonntag, 8. Oktober, 11.30 Uhr, spricht Dagmar Tille zur Einführung. Die Ausstellung ist bis 22. Oktober (mittwochs, sonnabends und sonntags, 11 bis 18 Uhr) geöffnet.
Von Frank Füllgrabe