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In seiner neuen Erzählung "Wiener Straße" lässt Sven Regener Herrn Lehmann auf allerhand Nervensägen aus dem Berlin/ Kreuzberg der 80er stoßen. Foto: burgi

Der neue Regener: jede Menge Laberköppe

So musste es ja kommen: Sven Regener hat ein weiteres Buch über den Kosmos von Herrn Lehmann geschrieben, und es ist prompt erfolgreich: „Wiener Straße“ steht a ktuell auf Platz sieben der Spiegel-Bestsellerliste. Und weil die Erzählung hält, was sie verspricht, also mal wieder jede Menge skurril-sympathischer Typen, versiffte Schauplätze und endloses Gelaber, geht das auch völlig in Ordnung.

Wir befinden uns also in Kreuzberg, im Jahre 1980. Wer die Reihenfolge der Star-Wars-Filme kapiert, hat auch bei der „Wiener Straße“ mit der Einordnung kein Problem: Das ist zwar der fünfte Lehmann-Roman („Magical Mystery“ mitgerechnet), inhaltlich aber der dritte. Regeners erstes Bestseller „Herr Lehmann“ von 2001, der am Vorabend der Maueröffnung spielt und sich millionenfach verkaufte, steht da auf Platz vier.

Also: Frank Lehmann putzt im „Einfall“, die Kneipe gehört dem Schwaben Erwin Kächele, der auch sein Vermieter ist. Dessen nervige Nichte Chrissie ist wieder dabei, die Künstler H.R. Ledigt und Karl Schmidt, kennenzulernen sind nun auch Erwins schwangere Frau Helga und Chrissies Mutter Kerstin. Sie ist genauso anstrengend und kostenbewusst wie der Rest der Familie, feilscht sogar allen Ernstes mit einem DDR-Grenzbeamten, weil sie zehn Mark für die Durchreise nach Berlin zahlen soll, was natürlich nicht gutgeht. Währenddessen versucht ihre Tochter im Einfall, eine Ku–chentheke plus Kaffeemaschine an den Start zu bringen, und das Geld (zwei Mark pro Tasse) selbst einzukassieren. Allerdings ist die entsprechende Kuchen-Vitrine im Kneipentresen besetzt, weil dort Kunst der „Neuen Neuen Nationalgalerie“ (eine „Neue Nationalgalerie“ hat Berlin ja schon lange) ausgestellt werden soll. Außerdem findet Erwin, dass alles, was über Flaschenbier hinausgeht, die Sache unnötig kompliziert macht. Und kompliziert ist hier ja sowieso auch alles.

Zum Beispiel der Umgang mit P.Immel, der ebenfalls Künstler ist, bürgerlich Peter von Immel heißt und einen beinharten Kreuzberger Hausbesetzer spielt, tatsächlich aber der Hausbesitzer ist. Ein ganzes Künstlerkollektiv schart sich um ihn – alles heimwehkranke Wiener. Das kommt heraus, als ein gewisser André Prohaska eine TV-Reportage über ihn drehen soll, und natürlich auch Österreicher ist. Ansonsten wird Berlin offensichtlich bewohnt von Einheimischen, die nie so genau wissen, ob sie gerade lieber derbe berlinern oder Hochdeutsch sprechen sollen. Wirklich konsequent ist da nur der vergleichsweise spießige Lehmann, dessen stete Mahnung zu korrekter, höflicher Ausdrucksweise – „Man spricht nicht von Anwesenden in der dritten Person!“ – fast schon Kult ist.

Dies alles verbindet sich zu einer Revue von liebenswerten, leicht bescheuerten Quasselköppen – Freaks, Punks, Lebenskünstler, Bewohner eines paradiesischen Biotops, das es so wahrscheinlich nie gegeben hat, egal. Sven Regener selbst erweist sich wieder als Meister des lakonischen Tonfalls in manchmal endlosen Sätzen, bereits der zweite umfasst drei Seiten, das ist so etwas wie ein Markenzeichen und wird aber zum Glück nicht über Gebühr strapaziert. Alles bleibt höchst unterhaltsam, da ist auf Fortsetzung zu hoffen, bis zum Fall des Eisernen Vorhangs, der dann endlich Kerstin von den horrenden DDR-Reisekosten erlöst, ist ja auch noch genügend Luft.

Sven Regener: „Wiener Straße“, Verlag Galiani Berlin, 296 Seiten, 22 Euro
Bericht über die Frankfurter Buchmesse: Magazin

Von Frank Füllgrabe

Zur Person: Schriftsteller, Musiker, Drehbuch-Autor

Sven Regener, 1961 in Bremen geboren, ist gleichermaßen als Musiker, Schriftsteller und Drehbuchautor erfolgreich. Bekannt wurde er zunächst als Sänger, Gitarrist, Trompeter und Texter der Band „Element of Crime“ , später mit seinen Herr-Lehmann-Romanen und dem Drehbuch zur Verfilmung mit Christian Ulmen.

„Magical Mystery“, die Verfilmung seines gleichnamigen Romans, läuft aktuell in der Scala. lz