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Erstmal ein Schlückchen Mineralwasser: Der Berliner Harald Martenstein hatte eine mühselige Bahnreise. Immerhin war es ihm gelungen, alle Sturm- und Gleis-Schäden zu umfahren. Foto: lz/t&w

Mick Jagger kriegt kein Kärtchen

Lüneburg. Wenn uns eines Tages die Franzosen mit einem Atomkrieg bedrohen, dann könnten wir die Berliner Busfahrer als schnelle Verteidigungstruppe in Marsch se tzen. Nun stehen die Franzosen ja tendenziell auf unserer Seite, weshalb für die Busfahrer aktuell kein Grund besteht, den Dienst am öffentlichen Personennahverkehr zu unterbrechen. Aber was soll das Ganze überhaupt? Nun, Sinn würde das schon machen. Näheres erklärt uns Harald Martenstein. Als Satiriker ist er darauf spezialisiert, Dinge zu verbinden, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Kino-Lesung bei Cola und Popkorn

Der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Journalist und Schriftsteller, 1953 in Mainz geboren, ist ein vielseitiger Autor, das Repertoire reicht von der kurzen Glosse bis zum Roman. Zu seinen Lieblingsthemen gehört die große Leinwand, die Film-Rezension, seine tägliche Kolumne über die Berlinale (gleich um die Ecke, Martenstein lebt in Berlin) genießt Kult-Status – so ähnlich wie einst die Texte seines Hamburger Kollegen Harry Rowohlt oder die von Max Goldt. Gerade ist der Sammelband „Im Kino“ (Bertelsmann, 2017) erschienen. Er sollte im Mittelpunkt eines Abends in Lüneburg stehen, Lünebuch und Filmpalast hatten ihn zur Lesung in Saal Nummer acht geladen, der dann auch richtig gut besucht war.

Eine Lesung bei Cola und eimerweise Popkorn, das hat schon was. Die Kinotexte standen dann allerdings mehr im Hintergrund. Harald Martenstein hatte allerhand Bücher und Manuskriptseiten mitgebracht, die er ausführlich hin und her schob. Er blätterte mal hier, sortierte dort, goss sich zwischendurch ein Glas Wein ein (dass er aber nicht trank), dann Wasser, dann wurde wieder geblättert. Dies hatte schon einen gewissen Unterhaltungswert, zumal es per Kamera – gewissermaßen live – auf die Leinwand übertragen wurde.

Eine Woche lang jeden Tag drei Berlinale-Filme sehen über Menschen, denen es schlecht geht – das ist eine Herausforderung, aber Martenstein hält durch. Allerdings gibt es Spätfolgen: „Hinterher habe ich mir eine Video-Gesamtausgabe mit allen Folgen der Schwarzwaldklinik besorgt.“ Hat er natürlich nicht wirklich. Wahr ist dagegen, dass er als Zeitung-Volontär jene Filme besprechen musste, für die sich die Herren Redakteure zu fein waren– zum Beispiel „In der Lederhose wird gejodelt“ (oder so ähnlich). Natürlich käme für so ein dämliches Filmchen nur ein deftiger Verriss in Frage, was ohnehin journalistisch viel mehr Spaß macht als ein Lob. Aber was tun, wenn doch der Kinobetreiber ein guter Anzeigenkunde ist? Alles nicht so einfach.

Eltern sein zum Beispiel. Wieso geben Menschen – statistisch gesehen – für die Aufzucht pro Kind hunderttausend Euro aus, um sich jahrzehntelang von den Gören anmaulen, triezen und demütigen zu lassen? Warum haben die Deutschen so einen seltsamen Hang zum öffentlichen textilfreien Auftritt? Es gibt Nackt-Campingplätze, -Wanderwege, -Kreuzfahrten und sogar Nackt-Lesungen. Zu einer wurde er, Martenstein, tatsächlich einmal engagiert. Nach einigem Hin und Her beschloss der Autor, die Herausforderung anzunehmen – und war enttäuscht, als das Publikum dann doch ganz normal bekleidet war. Man habe ihn, so der Gastgeber, nicht in Verlegenheit bringen wollen.

Berlins Busfahrer als Ballermänner

Das alles ist Stoff für heitere, knackig-kurzte Texte – über die Rolling Stones in Hamburg etwa, die noch mit hundert auf der Bühne stehen werden, aber dann trotzdem keine Glückwünsche des Bundespräsidenten bekommen: Der schöne Brauch des Staatschefs, Hundertjährigen ein Geburtstags-Kärtchen aus dem Schloss Bellevue zu schreiben, wurde wegen Arbeitsüberlastung abgeschafft (es gibt einfach zu viele heutzutage). Oder die Glosse über den Letzten seiner Art, den Playboy Rolf Eden. Nach ihm und all seinen Häschen könnte in Krezuberg mal eine Straße benannt werden. Denn dort pocht die grüne Bezirksregierung darauf, dass Frauen und Männer gleich stark bei der Namensgebung vertreten sein sollen. Damit wäre das Problem über Jahre gelöst.

Fakten vermischen, daraus höheren Blödsinn destillieren, das ist die Kunst des Harald Martenstein. Umfragen haben ergeben, dass – erstens – ein Prozent der Deutschen allen Ernstes einen bewaffneten französischen Übergriff für möglich hält, und – zweitens – 74 Prozent aller Berliner dafür sind, dass sich ihre Busfahrer bewaffnen.

Von Frank Füllgrabe

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