Aktuell
Home | Kultur Lokal | Daniel Kehlmann liest in Lüneburg
Daniel Kehlmann kommt am Montag, 16. Oktober, zur Lesung nach Lüneburg. (Foto: sheehan)

Daniel Kehlmann liest in Lüneburg

Lüneburg. Als Tyll Ulenspiegel das kleine ummauerte Städtchen mit seinen einhundertfünf Häusern besucht, da trauen die Bewohner ihren Augen nicht: Sein Ruf war auch bis zu ihnen in die Provinz gedrungen, und nun war der berühmte Gaukler tatsächlich da – begleitet von einem sprechenden Esel, von einer alten und einer jungen Frau, angereist in einem Planwagen, der sich nun blitzschnell zur Bühne wandelt. Gespielt werden eine Tragödie und anschließend eine Komödie, die Kühe müssten dringend gemolken werden, sie brüllen schon, aber die Bewohner schauen. Am Ende werden sie sich mit Schuhen bewerfen und die Zähne ausschlagen, wenn Tyll Ulenspiegel schon längst weitergezogen ist.

Ein Menschenleben zählt nicht viel

Der Schöpfer dieses Szenarios aber kommt erst noch: Daniel Kehlmann stellt seinen neuen Roman „Tyll“ auf Einladung von Lünebuch am Montag, 16. Oktober, um 20 Uhr im Fürstensaal des Rathauses vor. Um den Autor, der mit „Die Vermessung der Welt“ eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher der Gegenwart schrieb, war es etwas ruhiger geworden, dieses Ereignis ließ sich ja auch kaum toppen. Doch jetzt scheint ihm mit der Erzählung seiner Version von Till Eulenspiegel wieder ein großer Wurf zu gelingen. Spiegel-Redakteur Volker Weidermann beispielsweise hält den Roman für „das beste Buch, das Daniel Kehlmann bislang geschrieben hat“.

Daniel Kehlmanns erster Satz lässt Böses ahnen. „Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen“, so beginnt das Kapitel „Schuhe“, etwas weiter heißt es: „Zweimal im Jahr kam der Steuereintreiber und schien immer überrascht, dass wir noch da waren.“ Wir befinden uns um Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), jener Zeit, in der ganze Landstriche verwüstet und ein Drittel der Bevölkerung ermordet wurde. Das hat, auch wenn der Vergleich nicht ganz zulässig sein mag, nicht einmal der Zweite Weltkrieg geschafft.

Und natürlich erwischt es irgendwann auch das kleine namenlose Städtchen, als marodierende Söldner eindringen, plündern und morden. Nur drei Menschen überleben: der lahme Hans Semmler wurde übersehen, weil er sich nicht bewegen kann, außerdem kamen Elsa Ziegler und Paul Grünanger davon – sie waren heimlich miteinander im Wald, und als sie im Morgengrauen zurückkehren, glauben sie angesichts der rauchenden Trümmer, dass ihnen Gott zur Strafe ein Wahngespinst geschickt hätte.

Begegnung mit dem „Winterkönig“

Eine düstere Welt also, in der ein Menschenleben nichts zählt. Auch Tyll Ulenspiegel – hageres Gesicht, kleine Augen, hohle Wangen – ist aus anderem Holz geschnitzt als jener subversive Faxenmacher, als der er gemeinhin gern beschrieben wird. Geboren zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf, muss er bald fliehen; sein Vater, ein Magier und Welterforscher, war mit der Kirche in Konflikt geraten. Auf seinen Wegen durch das verheerte Land begegnen Tyll und das Mädchen Nele vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, dem vielbespotteten, nur sehr kurz regierenden „Winterkönig“, dessen Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hatte.

Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Welt-Literaturpreis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Zurzeit unterrichtet er an der New York University.

Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. Hallo Herr Füllgrabe,

    Sie hätten es auch geradeheraus sagen dürfen: „Tyll“ ist ein wunderbar leicht und unterhaltsam zu lesendes Märchen über Kunst und Krieg, über die Möglichkeit, Kunst als Krieg, und die Unmöglichkeit, Krieg als Kunst zu begreifen, und ein Portrait des Menschen in seiner göttlichen Größe und in seiner teuflischen Niedertracht. — Und Daniel Kehlmann (geb. 1975), der Autor dieses bösen, schönen historischen Fantasy-Thrillers voller mörderischen Wahnsinns und schneidender Wahrheiten, ist der wohl begnadeste deutschsprachige Autor seiner Generation. Wer Montagabend nach der Lesung eine signierte Erstausgabe in Händen hält, wird zu den Glücklichen gehören, die in das Buch eines potentiellen künftigen Nobelpreisträgers und zugleich in die Chance investiert haben, ein Stück vom Besten zu kennen, was derzeit auf unserer Erde geschrieben wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.