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Jessica Kulp präsentiert hier daheim eine Skulptur, stellt aber aktuell auch im Heine-Haus aus. Foto: lz/oc

Kunst und Kartoffeln

Diersbüttel. Hier geht jetzt eigentlich nichts mehr. Der Asphalt endet, nichts als Felder und Wald da vorn. Aber dann kommt doch noch eine Einfahrt, eine große Kastanie am Tor färbt ihre Blätter braun, ein Hochsitz rostet vor sich hin, und an ihm flattert eine Fahne mit einem Gedicht. Damit ist klar: Hier also wohnt Jessica Kulp, die gerade den Kulturförderpreis des Landkreises erhalten hat. Aus Hamburgs Trubel ans Ende von Diersbüttel, das ist ein mutiger Schritt und hat einen Grund namens Ingo Dittmer.

Immer mit einem Tupfer Farbe

Gedichtfahnen wiegen sich mehrere im Wind. An der Scheune lehnen dagegen ganz andere Schilder und verweisen auf Bellarosa, Quarta und Jelly. Das sind Kartoffelsorten. Sie macht die Kunst, er die Kartoffeln – eine spannende Mischung.

In der Küche, immer der beste Ort für Worte, hängen lauter aufmunternde Sätze, „ich will positiv denken“, sagt Jessica Kulp. Pferdeknäckerle für den Hund liegen bereit, ein Hausfrauenfreund namens Thermomix fordert Platz, und auf einem Foto ist ein Mähdrescher zu sehen, wie er auf matschigem Boden in Seitenlage rutscht. Alltägliches Leben eben. Die Trophäe vom Kunstförderpreis steht auf der Fensterbank. Die Kunst aber findet oben statt, treppauf hat Jessica Kulp ihr Atelier. Vorher aber klingelt es, und sie verkauft schnell ein paar Saatkartoffeln. Aber: Sie ist nicht Hausfrau, nicht Landwirtin, sondern Künstlerin.

Die 35-Jährige wuchs in Kaltenkirchen auf. Bevor sie zur Kunst kam, machte sie eine Ausbildung zur Handelsfachwirtin. Das kommt dem Bauernhof jetzt vielleicht zugute. Für Jessica Kulp aber stand nach der Ausbildung fest: „Ich mach‘ mich dafür nicht krumm.“ Sie braucht Freiheit, und nirgendwo ist die Welt so frei wie in der Kunst – und am Ende von Diersbüttel. 2013 absolvierte sie ihren Bachelor an der HfbK Hamburg. Im gleichen Jahr verließ sie Hamburg und das Getöse, zog dorthin, wo schon mal der Wolf über den Hof schnürte. „Luft, Freiraum, keine Menschenmassen“ – lauter gute Argumente, vom Ingo mal ganz abgesehen.

Treppauf stehen typische Objekte für Jessica Kulps Kunst. Draht, mit Gipsbinden umwickelt, manchmal mit fast transparentem weißen Stoff umspannt – und stets an einer Stelle mit einem Tupfer Farbe. Die Objekte wirken amorph oder auf eigene Weise organisch, es geht um Formen, Verbindungen, um Linien, um Freiraum. Es sind sehr persönliche Erkundungen, zu denen Jessica Kulp aufbricht. Ins Allgemeinere gewendet, sagt sie: „Es gibt mehr, als wir Menschen spüren und wahrnehmen können.“ Dem will sie nachforschen. Ihre Kunst hat viel mit Intuition zu tun, „Verstand ist manchmal hinderlich.“

Malerei, Scherenschnitt, Rauminstallationen und natürlich die Gedichtfahnen, es ist viel Entwicklung in der Kunst der Frau vom Dorf. Manche Projekte sind Zeitfresser: Für ihr Bachelor-Projekt hatte sie 180 „Schattenbilder“ geschaffen, die variabel zu hängen waren und den Weg aus dem Raum hinauszusuchen schienen. „Bei den Schatten handelte es sich um Schlagschatten in meiner Wohnung.“ Die Schraffur mit unterschiedlichen Bleistiftstärken, das war auch eine Geduldsarbeit.

Performance mit Percussion-Gruppe

Die Gedicht-Fahnen hingen in diesem Jahr bei den Betzendorfer Kulturstationen, in den Gärten auf dem Ziegenberg. Mit der Percussion-Gruppe Djambo zeigte sie eine Gedicht-Performance. Das wird sie auch im November bei der Jahresausstellung des Bundes Bildender Künstler Lüneburg tun. Aktuell stellt sie mit Lutz Wiedemann und Constanze Straub im Heinrich-Heine-Haus aus.

Für den Kulturförderpreis des Landkreises hatte Juror Anton Bröring die Künstlerin vorgeschlagen. Bröring pflegt neben seiner eigenen Kunst einen Ausstellungsort, den Kulturboden in Scharnebeck. Dorthin ist Jessica Kulp 2018 eingeladen. „Ich freu mich schon“, sagt sie. Es gibt viele Gründe, positiv zu denken.

Von Hans-Martin Koch

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