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Der Roman- und Sachbuchautor Philipp Blom stellte in Lüneburg seinen Essay „Was auf dem Spiel steht“ vor. Foto: nh

Wir verschwenden nur Zeit

Lüneburg. Es soll warm werden an diesem Wochenende, noch einmal richtig schön. Das haben wir uns nach diesem schlappen Sommer wirklich verdient. Aber es ist – mal wieder – ein schlechtes Gewissen dabei: Haben die Oktobertage, die eigentlich eher ein kühles Gold ausstrahlen sollen, etwas mit dem Klimawandel zu tun? Oder ist das natürliche Schwankung? „Typisches Verhalten“, sagt der Journalist und Autor Dr. Philipp Blom – wir ahnen Schlimmes, handeln aber nicht und lassen diese Ahnung gepflegt an uns vorüberziehen. Das wird böse enden.

Aufbruch in der „kleinen Eiszeit“

Im Heinrich-Hein-Haus sprach der in Wien lebende Schriftsteller im Rahmen der Reihe „Was uns bewegt“ des Literaturbüros über sein Buch „Was auf dem Spiel steht“ (Carl Hanser Verlag, 2017). Die Zusammenfassung: eigentlich alles. Das Welten-Wetter, die rasante Digitalisierung und die Konsum-Entwicklung, das sind drei Themen, mit denen Philipp Blom seine Warnung vor einer Katastrophe begründet. „Die reichen Demokratien wollen keine Zukunft, sie wollen behalten, was sie bereits haben. Gleichzeitig sehen wir die ersten Zeichen einer epochalen Transformation (…), deren globale Auswirkungen wir erst beginnen zu begreifen“, schreibt der Autor, und: Diese Kollision zwischen Zukunftsverweigerung und historischen Umbrüchen birgt enorme Gefahren.“

Es geht also abwärts. Dass es auch aufwärts gehen kann, schildert Philipp Blom in seinem Buch „Die Welt aus den Angeln“ (ebenfalls Hanser, 2017). Um 1570 wurde es in Europa plötzlich deutlich kühler, diese „kleine Eiszeit“ endete erst gegen 1700. Missernten waren die Folge, die noch recht primitiv betriebene Landwirtschaft, eigentlich der einzige Wirtschaftszweig jener Zeit, brach zusammen, die hungernden Menschen mussten handeln. Botaniker entwickelten Lösungs-Strategien, rieten zu intensiver Viehhaltung, schrieben Bücher, Schulen und Universitäten wurden gegründet, um das Wissen zu mehren. Es entwickelten sich Märkte, die Städte erstarkten, neue Gesetze und Gerichte wachten über das Geschehen, eine städtische Mittelschicht emanzipierte sich von der alten Ständeordnung, die letztlich nur auf Landbesitz basierte. Zugleich etablierte sich das Bewusstsein, dass Wohlstand nur mit Export und damit konsequenter beziehungsweise skrupelloser Ausbeutung der Ressourcen – der Arbeiter und der Rohstoffe – zu erreichen ist.

Die Schätze der Erde sind endlich

„Ich riskiere mal eine brutale Volte“, sagte Blom im proppevoll besetzten Heine-Haus, nämlich: „Genau dieses Konzept ist jetzt zur existentiellen Bedrohung geworden.“ Die Schätze der Erde sind endlich, diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits die berühmte 1438-Seiten-Studie „Global 2000“ von 1977 verkündete, dass in absehbarer Zukunft die Lichter ausgehen. Weil dieses Horrorszenario ausblieb, ging die Menschheit wieder zur Tagesordnung über.

Wenn es nur die Rohstoffe wären. Roboter werden einen großen Prozentsatz der Bevölkerung arbeitslos machen, die Computer selbst lernen immer schneller dazu. Zum Vergleich: Für die erste Apollo-Mondlandung waren etwa zwanzig Computer von Garagengröße notwendig. Philipp Blom prokelt ein Smartphone aus der Hosentasche: „Mit der Kapazität dieses Rechners wären heute 120 Millionen Apollo-Missionen möglich.“ Wenn die Menschen das Gefühl bekommen, dass ihre eigenen Fähigkeiten nichts mehr wert sind, dann sei angesichts der Ohnmacht „mit einer Welle der Wut“ zu rechnen.

Wie belastbar ist die Demokratie?

Nicht zuletzt: unser Konsumverhalten. Nach dem Krieg war prosperierende Nachfrage ein Segen, aber längst sind die Grenzen des Wachstums (und der Ausbeutung der Schwellenländer) erreicht. Ohne radikal neue Forderungen und unkonventionelle Ideen geht es nicht, und die moderne Demokratie ist als Sammelbecken verantwortungsvoller, kreativer Geister nicht die schlechteste Lösung. Nur: Ist diese Staatsform belastbar? „Wir haben keine Erfahrung mit unseren jungen Demokratien in der Stagnation“, so Blom. Das weitgehend harmlose TV-Duell Merkel gegen Schulz, bei dem alle existentiellen Fragen ausgeblendet worden seien, habe einmal mehr gezeigt: „Wir verschwenden unsere Zeit.“
Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. Herr Blom sollet seine Meinung ieber in Indien und China, sowie den USA verbreiten. Weniger in Deutschland.Hier müsste lediglich die Wirtschaft angesprochen sein.Nicht wieder mal der Bürger.