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Lüneburg, verkehrt herum: Frank Suplie saß am Museum und konzentrierte sich auf die Wasser-Spiegelungen. Foto: ff

Wehe, wenn es regnet

Lüneburg. Vor der Malerei kommt die „Choreographie der Tortenstücke“: So werden die großen Drei-Wände-Konstruktionen auf Rollen genannt, mit deren Hilfe der große Saal der KulturBäckerei strukturiert und die Ausstellungsfläche vergrößert wird. Kurator Enno Wallis rangiert die schwerfälligen Torten hin und her, bis sie ihren richtigen Platz gefunden haben. Jetzt kommt der zugleich leichtere und schwerere Teil: Rund 90 Gemälde müssen sinnvoll, also für den Betrachter nachvollziehbar arrangiert werden. Denn hier öffnet morgen die Ausstellung der Norddeutschen Realisten.

Auf dem Foto: Till Warwas, Meike Lipp, Nikolaus Störtenbecker, André Krigar und Margreet Boonstra bei einem ersten Besuch der KulturBäckerei. Auf dem Bild fehlen Frank Suplie und Corinna Weiner. Als Gast der Ausstellung ist außerdem Sonja Jannichsen als Uwe-Lüders-Stipendiatin dabei. (Foto: ff)

So nennt sich eine Gruppe von Künstler(inne)n, die sich der Plenair-Malerei verpflichtet hat, der Arbeit vor Ort, mit der Staffelei unter freiem Himmel. Die Norddeutschen Realisten wurden 1995 von Nikolaus Störtenbecker – kein Künstlername, er heißt wirklich so! – gegründet. Seither reisen sie gemeinsam – aber in wechselnden Formationen – zu den lohnenden, wortwörtlich malerischen Schauplätzen, schwärmen in alten Städten und markanten Landschaften aus, um „a la prima“ zu arbeiten, also „unmittelbar“, immer möglichst dicht dran und drin.

Abfotografieren gilt nicht

Fotografieren und später im Atelier abmalen gilt nicht, allenfalls darf ein wenig nachgebessert werden. Meistens wird Ölfarbe (auf Leinwand) verwendet; die trocknet zwar schwer, ist aber dafür nicht so regenempfindlich. Typisch und in den Bildern erkennbar ist das Spontane, Eilige, keine aufwändige Schichtentechnik, dafür schwungvolle, ausgeprägte Pinselführung. Mehr als ein paar Stunden für ein Gemälde sind nicht drin, die Sonne wandert schließlich weiter, die Stimmung ändert sich, Gewitterwolken drohen.

Diesmal Lüneburg: Eingeladen von der Sparkassenstiftung, erkundeten sieben Norddeutsche Realisten vom 24. bis 31. August die Stadt und die Heide. Künstlerischer Wegweiser sind der Realismus und eben der Pleinairismus des 19. Jahrhunderts. Das Rathaus mit und ohne Wochenmarkt, die winkeligen Gassen, das Wasserviertel, die Kirchen – Pflichtmotive. Dazu kommen der Heide-Totengrund, die Elbe, manchmal führte die Exkursion bis nach Lauenburg. Sogar nachts wurde gemalt, so entstand etwa die Miniatur von einer Fassaden-Laterne, die ein heimeliges Licht ausstrahlt.

Panorama-Weitwinkel-Ansichten (soweit sie auf die Staffelei passten) wechseln mit Blicken auf das Detail, eine repräsentative Villa an der Ilmenau kommt ebenso zu Ehren wie ein kleiner Wasserhahn. Manche Bilder sind explizit verortet: „Spiegelung am Museum – Wasserturm, St. Johanniskirche“ steht als Notiz auf der Rückseite einer Arbeit von Frank Suplie, Lüneburger haben mit der Lokalisierung natürlich keine Schwierigkeiten. Neben den relativ großen Leinwänden gibt es mitunter auch originelle Lösungen, eine dreiteilige Arbeit zum Beispiel, die wie ein Puzzle zusammengesetzt wird. Einmal wurde sogar die Palette selbst bemalt.

Von Frank Füllgrabe