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Foto t&w Daniel Kehlmann

Als Gaukler überleben

Lüneburg. Gelehrte, auch die Größten ihrer Zunft, nähern sich Pater Athanasius Kircher mit allergrößtem Respekt. Das ist durchaus angebracht , der Professor des Collegium Romanum hat, obwohl noch jung an Jahren, bereits die Geheimnisse der Magnetkraft, des Lichts, der Musik und sogar der Schriften des alten Ägypten entschlüsselt. Nun geht er daran, die Pest zu besiegen, und dafür braucht es Drachenblut. Auch hier kommt Pater Athanasius Kircher gut voran: Drachen sind dort, wo man keine sieht – es ist ja die Eigenschaft echter Drachen, sich für die Menschen unsichtbar zu machen. Auf Schloss Gottorf wird nun zur Expedition gerüstet, denn in Holstein lebt der letzte Drache des Nordens.

Die Pest ist gerade nur eine von vielen Plagen der Menschheit. Wir befinden uns im Dreißigjährigen Krieg, in dem ganze Landstriche verwüstet und ein Drittel der Menschen dahingerafft – beziehungsweise ermordet – wird. Das ist die Welt von Daniel Kehlmanns Tyll“. Im vollbesetzten Fürstensaal des Rathauses stellte der Autor, eingeladen von Lünebuch, seinen neuen Roman vor.
Im Mittelpunkt steht also nicht Athanasius Kircher, sondern ein anderer Gaukler: Tyll Ulenspiegel. Das Vorbild, ein im 14. Jahrhundert umherstreifender Narr, ist historisch nicht recht dingfest zu machen. Aber der Romanheld von Kehlmann ist ohnehin aus anderem Holz geschnitzt: ein hagerer, zäher Überlebenskünstler in einer grausamen Welt. Ein Müllerssohn, der aus seinem Dorf fliehen muss, und nun, begleitet von zwei Frauen, von Stadt zu Stadt zieht (solange die Orte überhaupt noch existieren), die Menschen mit Tragödien, Komödien und allerhand Artistik unterhält, damit zu einer Berühmtheit wird.

Ein Drachentöter kämpft gegen die Pest

Er begegnet, und das ist der Stoff, aus dem „Tyll“ gewebt ist, unter anderem dem tölpelhaften „Winterkönig“ Friedrich von Böhmen nebst Gattin Elisabeth, dessen politisches Ungeschick den Krieg einst auslöste, und dessen Reich längst geschmolzen ist. Tyll trifft auf den jungen Gelehrten Graf Martin von Wolkenstein, der so gern endlich einmal den Krieg kennenlernen möchte, auf den Arzt Paul Fleming, der sich dafür stark macht, Gedichte nicht nur auf Latein oder Französisch, sondern auch auf Deutsch zu schreiben. Und eben auf den Drachentöter und Weltenretter Athanasius Kircher.

Tyll Ulenspiegel läuft scheinbar schwerelos, ohne Balancier-Gehabe, über das Seil. Nur wer genauer hinschaut sieht, dass er mit kleinen Bewegungen der Hüfte immer wieder das Schwanken des Seiles ausgleichen muss. Er fordert seine Zuschauer auf, den rechten Schuh auszuziehen und in die Luft zu werfen – am Ende gibt es wüste Prügeleien, in denen sich die lang aufgestaute Wut der Bürger Bahn bricht. Aber da ist Ulenspiegel schon längst weitergezogen.

Dieser Mann ist ein Verführer und nicht zu durchschauen, die Welt ist aus den Fugen und die Kritiker sind begeistert: Daniel Kehlmann gelang mit einem anderen historischen Roman, mit „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humbold und Carl Friedrich Gauß einer der größten deutschsprachigen Buch-Erfolge überhaupt. Nun wird von ihm, nach „Ruhm“ und „F“ (alle bei Rowohlt) ein zweiter Mega-Bestseller erwartet.

Keine Erinnerung an Friedenszeiten

„Tyll“ hat das Zeug dazu, der 474-Seiten Roman schöpft aus einer wohl nie versiegenden Quelle: Der ewige Krieg – viele Menschen können sich überhaupt nicht an Friedenszeiten erinnern – bringt abgründige Schauplätze und viele schillernde, oft tragikomische Figuren hervor.

Der dicke Graf Martin von Wolkenstein, mit Tyll unterwegs nach Wien, bekommt seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt: Sie geraten an den Rand der Schlacht bei Zusmarshausen, dem letzten großen Gemetzel des Krieges auf deutschem Boden. Ihr Weggefährte Karl von Doder steigt vom Pferd ab, auf beide Seiten gleichzeitig, zerrissen von einem verirrten Geschoss, und auf diese Erfahrung hätte Martin von Wolkenstein dann wohl doch gern verzichtet.

Von Frank Füllgrabe