Aktuell
Home | Kultur Lokal | Die da oben, die da unten
Britt Focht (links) und Stefanie Schwab putzen. Matthias Herrmann schaut, ob sie das gut machen. Er ist der Regisseur. Foto: lz/

Die da oben, die da unten

Lüneburg. Trump gab mal wieder den Ausschlag. „Es kommen zurzeit Dinge auf den Plan, die tiefe Grabenkämpfe auslösen“, sagt der Schauspieler Matthias Herrmann, der in diesem Fall als Regisseur spricht. Herrmann inszeniert im T.NT des Theaters Lüneburg ein Stück, das Zwänge eines Systems schildert, in dem das Oben und das Unten wichtig sind. „Augusta“, eine Komödie von Richard Dresser, führt nach unten, zu Händen und Füßen, die den Boden schrubben.

Ob es nun eine Komödie ist oder eine Farce oder eine bitterböse Satire, darüber haben Dramaturgin Hilke Bultmann, die auf das Stück stieß, und Matthias Herrmann diskutiert. Was es denn nun wirklich ist, das klärt sich bei der Premiere am Freitag, 27. Oktober. Dresser, ein amerikanischer Autor, schrieb „Augusta“ als ersten Teil einer Trilogie über die Unter-, Mittel- und Oberschicht. Es beginnt unten.

Molly arbeitet im Dienst einer globalen Putzfirma, die eine „Goldene Garantie“ gibt: Das Personal putzt auf Händen und Knien, sauberer geht‘s nicht – angeblich. Molly hat Rücken, aber sie ist nun Teamleiterin und weist Claire den Weg auf die Knie. Claire dagegen ist jung, plietsch und will nach oben. Als ihr karrieregeiler Chef Jimmy Claire zur Jahrestagung nach Augusta mitnehmen will, wittert sie ihre Chance. Aber es kommt natürlich alles anders.

Bitterkomische Stücke über die Arbeitswelt stehen in jüngerer Zeit häufig auf den Spielplänen. Zwei Beispiele von mehreren, die in Lüneburg liefen: Thomas Ney brachte gerade „Kaspar Häuser Meer“ über gnadenlos überforderte Sozialarbeiterinnen in die KulturBäckerei. Mit der „Grönholm-Methode“ spiegelte das Theater zur weiten Welt im Freiraum die fiesen Tricks bei Bewerbungen um attraktive Jobs. Nun führt also „Augusta“ in die Welt der Jobs, die keiner gerne macht und in denen Menschen malochen, die dem System der Ausbeutung eher hilflos gegenüberstehen. Molly und Claire werden sich wehren.

Vor allem als Schauspieler kam Matthias Herrmann 2010 nach Lüneburg. Er ist jetzt 55 und damit der Mann für die Vater-, Chef- und Königsrollen, aktuell spielt er den Kreon in der fesselnden „Medea“-Inszenierung. Herrmann war in Lüneburg als Konsul Buddenbrook zu sehen, stand aber auch mal als Agatha Christie auf der Bühne. Er kennt das Metier aus allen denkbaren Rollen. Demnächst ist er im „Sams“ zu sehen, in der „Vermessung der Welt“ und im „zerbrochnen Krug“.

Studiert hatte er an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, und als er später mit einer DDR-Produktion in der BRD gastierte, erfuhr er in Esslingen: Honecker ist zurückgetreten. Wie es Genosse Zufall will, sollte er in Esslingen bald darauf ein Engagement haben.

Laut seinem Lüneburger Vertrag steht Herrmann das eigene Inszenieren zu. Häufig fallen seine Studio-Inszenierungen ins Komödienfach, dazu zählten „Gretchen 89 ff.“ und „Shakespeares Werke (leicht gekürzt)“. Nun „Augusta“. Herrmann umreißt die Themen im Stück: „Es geht um Sehnsüchte, Zwänge, Neid, Ellenbogen, Abhängigkeit und die Unfähigkeit, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten bzw. zu ändern.“ Auf der Bühne setzen das Britta Focht als Molly, Stefanie Schwab als Claire und Yves Dudziak als Jimmy um. Für Bühne und Kostüme sorgt Barbara Bloch. Das Stück bleibt bis Mitte Februar auf dem Spielplan.

Von Hans-Martin Koch

2 Kommentare

  1. Matthias Herrmann, Regisseur sowie „der Mann für die Vater-, Chef- und Königsrollen“, umreißt die Themen: „Es geht um Sehnsüchte, Zwänge, Neid, Ellenbogen, Abhängigkeit und die Unfähigkeit, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten bzw. zu ändern.“ Aber ein „Thema vergißt Herr Herrmann zu erwähnen: es sind die Frauen, welche „die fiesen Tricks“ erleiden, die „das Theater spiegelt“.

    Kommen auch am Lüneburger Theater „zurzeit Dinge auf den Plan, die tiefe Grabenkämpfe auslösen“?

    Es begegnen einem im Leben ja viele gute Sätze, die (und sei’s bloß sinngemäß) in Erinnerung bleiben; jedenfalls mir unvergeßlich der arglose Fernsehsatz des kanadischen Sprinters und hernach überführten Superdopers Ben Johnson vor Olympia 1988, er nehme halt immer „diese Pillen“; unvergeßlich auch der jüngere Satz Heiner Geißlers, es sei „inzwischen wieder klar, daß der Kapitalismus nicht die Wirtschaftsphilosophie der CDU ist“. Ein dritter denkwürdiger Satz, aus der Gegenwart, zitiert von einer Schauspielerin, die auf „Spiegel online“ vom habituellen Sexismus auch hinter deutschen Bühnen und Kameras berichtet, geäußert von einem TV-Regisseur: „Ich würde jetzt gern deine Brüste aus deinem Ausschnitt holen und daran herumspielen.“

    Das gibt’s doch nicht; das gibt es eben doch bzw. ist „so plump, so sexistisch und dumpf, daß man es kaum glauben will“, wie die „Süddeutsche“ schreibt, die wie zuvor die „Spon“-Kollegin deutsche Schauspielerinnen nach ihren Erfahrungen im „festbetonierten System aus Männerallmacht und dem Ausgeliefertsein der Frauen“ gefragt hat, um mehr zu erfahren über „die Besetzungscouch, das Möbelstück der Männermacht“ und „Frauen als Freiwild“. Fassen wir’s zusammen: „Nicht aus dem Kopf gegangen ist ihr die Frage eines leitenden Fernsehmannes, der auf einer Premierenparty wissen wollte, ob sie mit ihm ,ficken’ würde … ,Das Schlimme ist, daß die Verzweiflung auf dem Markt so groß ist, daß es [das System Besetzungscouch] auch noch klappt.’ … Die Frauen, die gelernt haben, lieber zu gefallen als nein zu sagen, liefere es den Männern aus. … ,Der Intendant weiß um seine Macht, die Schauspielerin um ihre Ohnmacht’ … Frauen haben nicht nur keine Macht, sie verdienen auch weniger … 34 Prozent verdienen die Frauen im Theater weniger als ihre männlichen Kollegen, das sind 1000 Euro im Monat … ,Solange die Hierarchien im Theater in dieser Form bestehen und es noch den Unterschied zwischen Männerhöchstgage und Frauenhöchstgage gibt, ist der Respekt nicht da’“.

    Geht es um Mann und Frau, dann geht es in der falschen Gesellschaft um Macht und Hierarchie und Männer, die gelernt haben zu dominieren, und Frauen, die gelernt haben zu gefallen. Nach wie vor, war neulich wieder mal zu lesen, werden Mädchen anders erzogen als Jungen, wird hie Fügsamkeit belohnt, wo dort Widerstand toleriert wird. Warum das so ist, ist Gegenstand von Genderforschung, aber hört der deutsche Mann, heiße er nun Hacke, Klute oder Martenstein, „Gender“, dann geht er durch die Decke und fühlt sich von politischer Korrektheit erstickt, ohne etwas von Macht, Verzweiflung, Markt wissen zu wollen. Er will es nicht wissen, weil und solange er profitiert, und sind die Söhne plötzlich schlechter in der Schule als die Töchter, weil Schule Fügsamkeit belohnt, geht das Geplärre los, die Jungen würden von den überwiegend weiblichen Grundschullehrkräften benachteiligt.

    In der Konkurrenzgesellschaft des „freien“ Marktes gibt es nur Macht und Ohnmacht, Ficken und Geficktwerden, und das Machtgefälle bezeichnen eben jene Vokabeln, über die in den herrschaftsnahen Anti-Gender-Kolumnen so gern gelächelt wird: Sexismus, Rassismus, Chauvinismus. Die Geschlechterfrage (im weitesten Sinne) ist eine Machtfrage, und Sexismus, ob am Theater, im Büro oder in der Werbung, ist Ausdruck des Umstands, daß sie sich stellt, indem sie nicht gestellt wird. „Wird das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern kleiner, werden die Abhängigkeiten kleiner und der Sexismus weniger“, sagt in der SZ eine Schauspielerin. Daß der Satz sich leicht verallgemeinern lasse, ist eine Wahrheit, die nicht sehen darf, wer von der Lüge profitiert.

    • Lieber Himmel, das ist aber mal eine knallige Lagebeschreibung! Was sagen die Herren des Lüneburger Theater-Managements dazu? Wird es demnächst eine Chefdramaturgin geben?

      „Jetzt wird es gewiss nicht mehr lange dauern und Landratsamt, Oberbürgermeisterei, Theaterintendanz, Krankenhausdirektion, Leuphana-Präsidium, IHK-Geschäftsführung und LZ-Chefredaktion werden auch die erste Frau in die jeweiligen Spitzenpositionen heben“, hat Anne Heinen vorgestern prophezeit: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1160392-die-erste-frau-an-der-ihk-spitze#comment-119091

      LG, Sabine Werner