Donnerstag , 20. September 2018
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Die Hippies sind zurück. Sie sind jung, sie spielen prächtig Theater, singen gut und kassieren jede Menge Applaus. Foto: theater/t&w

Der Pharao singt Rock‘n‘Roll

Lüneburg. Es gibt viele Wege zum Erfolg, auch im Theater. Einer wäre: Man nehme viele Kinder zum Mitspielen, dann kommen Eltern, Geschwister und Verwandte, Freu nde, Schulkameraden. . . Die Hütte ist also voll, und sie finden es alle sowieso super. Ein bisschen so ist es schon beim neuen „Jungen Musical“ im T.3, denn die ersten sieben Vorstellungen waren vor der Premiere ausverkauft. Erst ab 17. Dezember sind wieder „Restkarten“ zu buchen. Aber entscheidend ist doch das andere: „Joseph And The Technicolor Dreamcoat“ reißt einfach mit. Zu erleben ist – in 80 Minuten durch diese Musicalwelt – ein Sog aus Aktion, Witz, Tanz und vor allem Musik. Das macht einfach Spaß.

Das Stück stammt von Andrew Lloyd Webber. 1968, zwei Jahre vor seinem Durchbruch mit „Jesus Christ Superstar“, wurde „Joseph“ an einer Schule uraufgeführt – und fand den Weg zum Broadway. Die Geschichte führt ins biblische Land Kanaan und erzählt die Legende um Joseph. Er wird vom Vater verhätschelt, mit seinem Popstar-Gehabe samt Glitzermantel von den Brüdern gehasst und von ihnen als Sklave an die Ägypter verramscht. In der Fremde geht es auf und ab mit ihm. Als Traumdeuter wird er schließlich aus dem Knast an den Thron des Pharaos kommen, ihm die Show stehlen, und mit seinen Brüdern wird es Frieden geben.

„Joseph“ hat anders als die späteren Webber-Musicals keinen wirklichen Hit. Dafür sind eine ganze Reihe von Parodien eingebaut. Das kann ein Country-Song sein, zu dem Lassos geschwungen werden. Zum Kracher des Abends wird der „Song Of The King“ bzw. der des Pharaos. Der Songs ist bei Elvis Presley abgekupfert. Sascha Littig im Elvis-Outfit legt eine herrlich schräge Parodie aufs Podest, umgeben von „Duba-duba-duba-duba-du“- Sängern und tanzendem Hofstaat. Der Song rockt und rollt samt Zugaben gleich dreimal.

Mehr als 40 Mitwirkende füllen den breiten Spielraum im T.3. aus, mit schnell umgebauten Podesten wird der Raum gegliedert. Es passiert ständig an mehreren Ecken etwas, aber alles hat seinen Rhythmus. Friedrich von Mansberg hat aus einer eigentlich heterogenen, zum Teil bewährten, zum Teil unerfahrenen Truppe ein Team geschweißt, das durchweg locker aufspielt, so begeistert wie begeisternd. Es sind eine Fülle an Ideen vom Running Gag bis zum goldenen Bobbycar eingebaut, und bunt ist das Stück bis in die Kleidung, die Flower Power und Gegenwart mischt (Kostüme, Bühne: Christiane Becker).

Vorneweg trägt Timm Moritz Marquardt in der Titelrolle das Geschehen. Er bringt Erfahrung, auch von der großen Bühne, mit, und ihm ist der Spaß an der gesanglich nicht immer leicht zu wuppenden Partie anzusehen. Das Geschehen, choreographisch von Claudia Daniels betreut, läuft komplett dialogfrei rein über die Musik ab. Dass die Texte verständlich sind, liegt an der sehr guten Aussprache der Solisten und des nahezu pausenlos aktiven Chors. Daran haben viele Anteil, etwa Anna Schwemmer als Vocal Coach.

Alexander Eissele leitet gewohnt temperamentvoll die Band und peppt die Musik mit kleinen Zitaten auf: Das Riff aus „Smoke On The Water“ donnert durch den Saal, und das „Jesus Christ“-Thema wird eingestreut. Schöne Tupfer in einem sonst musikalisch, abgesehen von den Parodien, nicht so ganz aufregenden, aber unaufhörlich nach vorn brausenden Stück.
Klar: Das Publikum ist hellauf begeistert – völlig zu Recht.