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Moderator Tilmann Lahme und Autor Michael Roes, er liest aus "Zeithain" im Rahmen der LiteraTour Nord im Lünebruger Heinerich-Heine Haus. Foto: lz/t&w

LiteraTour Nord: Sadismus statt Pädagogik mit Michael Roes

Lüneburg. Dieses Drama gehört zu den bekanntesten Tragödien der deutschen Geschichte: Friedrich II., der später einmal „der Große“ genannt wird, leidet unsäglich unter seinem brutalen Vater, dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. Der 18-jährige Kronprinz will nach Frankreich fliehen und wendet sich in seiner Verzweiflung an den einzigen Freund, an den acht Jahre älteren Hans Hermann von Katte. Der Leibgardist des Königs, hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Mitleid, entscheidet sich in diesem unlösbaren Konflikt für den Freund. Doch der Plan fliegt auf, Katte wird zum Tode verurteilt und im Jahre 1730 enthauptet – auf ausdrückliche Anweisung des Königs vor den Augen Friedrichs.

Der Fluchtversuch von Friedrich II. neu beleuchtet

Das Schicksal des Kronprinzen ist hinreichend dokumentiert. Aber wer war dieser Katte, der mit gerade 26 Jahren als Opfer einer rigiden Staatsräson starb? Der Sozialwissenschaftler, Journalist und Schriftsteller Michael Roes hat sich auf seine Spuren geheftet und die Geschichte neu erzählt: „Zeithain“ (Verlag Schöffling & Co.) heißt das 800-Seiten-Buch, benannt nach dem riesigen Truppenlager, auf dem das Unheil seinen Lauf nahm – ein opulenter Roman, eine Biographie, vor allem aber ein Sittengemälde des pietistischen Staates Preußen. Im Rahmen der LiteraTour Nord sprach Michael Roes im Heine-Haus mit Moderator Dr. Tilmann Lahme von der Leuphana über Gehorsam und unauflösbare Gewissenskonflikte, über väterliche Gewalt, verdrängte Sexualität, unmenschliche gesellschaftspolitische Ordnungssysteme und sanktionierte Quälereien.

Als Rahmenhandlung schickt der Autor Philip Stanhope, einen entfernten Nachfahren Kattes, zu dessen Schauplätzen, wechselt dabei mehrfach die Position: Mal agiert Stanhope als Ich-Erzähler, mal Katte selbst. Mit der Freiheit des Schriftstellers, aber immer eng an den historischen Fakten, erzählt Michael Rose vom Werdegang des Jungen, der als Angehöriger altmärkischen Adels schon früh auf dem vorgezeichneten Lebensweg marschiert: Natürlich wird er Offizier, als Studium ist nur Jura erlaubt.

Hans Hermann von Kattes Hinrichtung vor dem Fenster des Kronprinzen in der Festung Küstrin – Kupferstich von Abraham Wolfgang Küfner in einer recht freien Interpretation. Bild: nh

Mit 13 Jahren kommt er ins Internat, das Hallesche Pädagogium, heute würde man „Kadettenanstalt“ sagen: Zucht und Ordnung, unantastbare Rangordnung, gnadenlose Erziehungsmethoden – für den sensiblen Hans, der sich immer wieder, oft heimlich, mit Musik und Malerei beschäftigt, muss es eine Hölle gewesen sein, wie für so viele seiner Zeitgenossen auch. Dabei schimmert in der Erzählung von Michael Roes ein klassisches Internats-Problem durch, das zu einem Kernthema von „Zeithain“ wird: Sehnsucht nach Zuneigung und Liebe führt notwendigerweise zur Verdrängung von Gefühlen, auch zu Zwangshomosexualität – ein Aspekt, der selbst von den sorgfältigsten Biographen der Ära Friedrichs des Großen seltsamerweise weitgehend außen vor gelassen wird.

Wer seinen Sohn liebt, der betet für ihn und verprügelt ihn anschließend nach Strich und Faden. Um die Wirkung der Strafe noch zu steigern, werden die Hiebe angekündigt, aber auf den nächsten Tag verschoben, damit der kleine Delinquent besonders gründlich leiden kann. Was heute schlicht Sadismus genannt wird, war im preußischen Königreich die gängige, allseits akzeptierte pädagogische Form väterlicher Gewalt. Der Soldatenkönig allerdings muss da noch einmal besonders kaltherzig gewesen sein.

Hass auf die eigene seelische Deformation

Und so kommt es im Lager Zeithain vor den Augen aller zu einer besonders demütigenden Szene: Friedrich Wilhelm schlägt aus nichtigem Anlass seinen Sohn, der längst im Staub liegt, fast zu Tode. In diesem Exzess tritt wohl auch all der Hass auf weibliche Züge des Sohnes zu Tage, zugleich auf die eigenen, nicht eingestandenen seelischen Deformationen. Friedrich der Große hat sich später, gleich am Tag nach der Hochzeit, räumlich von seiner Frau getrennt, sie in ein anderes Schloss geschickt. Auf Sanssouci lebte der komponierende, musizierte und philosophierende Monarch ohne Frauen.

Wenigstens den Moment der Enthauptung Kattes musste der junge Kronprinz wohl nicht erleben. Die einzige Gnade hatte ihm, so ist es überliefert, die Natur gewährt – kurz vor der Hinrichtung des Freundes in der Festung Küstrin fiel Friedrich, von Wächtern gegen die Gitterstäbe seines Gefängnisses gepresst, in Ohnmacht.

Von Frank Füllgrabe