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Jan-Philip Walter Heinzel, Tülin Pektas, Beate Weidenhammer, Gregor Müller und Paul Brusa verschenken keine Pointe. Foto: theater

Das Abendland steht auf dem Spiel

Eine leichtfüßige, moderne Komödie ist angekündigt. Um fünf langjährige Freunde soll es gehen, die sich zu einem netten Abendessen daheim bei Pierre Garaud und seiner Gattin Elisabeth Garaud-Larchet treffen. Wenn aber das Programmheft schon gleich vorn, in der Besetzungsliste, auch „Kampfgeographie“ nennt, dann ist zu ahnen: Das wird böse enden. Und natürlich ist bald Schluss mit dem heiteren Geplauder, denn Vicent, der bald Vater wird, lässt eine Bombe platzen: Der Sohn soll Adolphe heißen. Sofort ist Pierre auf der Zinne, als Professor für Literatur hat er schließlich Verantwortung für die Kultur des Abendlandes, und einen Franzosen nach einem deutschen Massenmörder zu benennen, das geht gar nicht.

So also beginnt „Der Vorname“ – eine Gesellschafts-Satire in der Folge der legendären Landsmännin Yasmina Reza, die etwa mit „Der Gott des Gemetzels“, „Drei Mal Leben“ und „Kunst“ Steilvorlagen liefert. Das erste Theaterstück von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Pattelière wurde 2010 in Paris uraufgeführt, ist seither dort ein Dauerbrenner, ebenso in Deutschland und bestimmt auch in Lüneburg. Die Premiere jedenfalls, mit viel Gelächter mittendrin und langem Applaus am Ende, geriet vielversprechend. Das liegt natürlich auch an der knackigen Regie (Bettina Rehm) und den emphatischen Darstellern, also Beate Weidenhammer, Tülin Pektas, Gregor Müller, Paul Brusa und Jan-Philip Walter Heinzel, der auch den „Kampf“ choreographiert hat.
Die Bühne – ein Wohnzimmer, eine Manege, der Boden ist jedenfalls mit Sägespäne bedeckt, und von der Decke baumelt an einem Seil ein Autoreifen. So etwas hängt normalerweise in einem Affenkäfig. Geht es also mal wieder darum, dass wir im Grunde – bei aller zivilisatorischen Schminke – über das Primatenstadium nie herausgekommen sind? Das wäre dann doch ein bisschen zu einfach.

Was ist mit Nicolae, Josef und Augusto?

Zu erleben ist ein bibliophiler Linksintellektueller mit seiner Frau, die, obwohl selbst Akademikerin, nicht aus der Rolle des Heimchens am Herd herauszufinden scheint – sie ist jedenfalls dauend mit den Tellern beschäftigt und immer in der Küche, wenn es spannend wird in der Runde. Dann der introvertierte, freundliche Orchester-Posaunist Claude, den alle für schwul halten, eben wril er so nett, rücksichtsvoll und offenbar solo ist. Ganz anders: Vincent, erfolgreicher Makler mit großer Klappe und Hang zu zweifelhaften Scherzen. Später kommt auch seine Anna dazu, sie arbeitet in der Modebranche und ist wohl die erste Frau, die in der Schwangerschaft mit dem Rauchen anfängt.

Adolphe? Okay, das wird anders geschrieben als Adolf, und auch anders betont, aber trotzdem. Während diverse Gläser teuren Rotweins geleert werden und Elisabeth unermüdlich serviert, kommt die Debatte in Fahrt. Es geht um gesellschaftspolitische Verantwortung des Individuums und um den Umgang mit Sprache – bei aller rhetorischen Schärfe ein amüsantes Spiel, was ist denn mit Vornamen wie Josef (Stalin), Nicolae (Ceaușescu) und Augusto (Pinochet)? Dann aber wird eine rote Linie überschritten, der Gastgeber muss sich anhören, dass er ja wohl seinen Kindern auch bescheuerte Namen – zum Beispiel Athena! – gegeben hat.

So entwickelt sich eine Redeschlacht mit wechselnden Bündnissen. Hier hat jeder seine Dämonen, und zu den großen Stärken des Stückes gehört, wie bei allen Grenzverletzungen doch noch eine stille Übereinkunft funkioniert: Wir alle bemühen uns, den Streit konstruktiv zu kanalisieren und auszuhalten, niemand verweigert sich gänzlich. Tatsächlich füllt die Kampfchoreographie nur wenige Sekunden: Dem armen Claude wird von Vincent kurz und kräftig die Visage poliert – „es ist nichts passiert“, sagt er tapfer, und hält sich die blutende Nase.
Nichts passiert? Das ist vielleicht etwas untertrieben, aber im Finale werden wieder verbindliche Spielregeln aufgestellt. Und doch ist es irgendwie schön, dass die glorreichen Fünf am Ende, wenn es ans Verbeugen geht, wieder als Freunde auf der Bühne stehen.

Von Hans-Martin Koch

4 Kommentare

  1. Die neuen Mit-Rechten-Bücher sind da!

    – Mit Rechten essen gehen.
    – Mit Rechten fröhlich sein.
    – Mit Rechten Kuchen backen.
    – Mit Rechten Urlaub machen.

    Und rechtzeitig zum Advent:

    – Mit Rechten basteln!

    In Vorbereitung: Mit Rechten einen durchziehen.

    • Hurra!

      Die neuen Mit-Linken -Bücher sind da!

      – Mit Linken essen gehen.
      – Mit Linken fröhlich sein.
      – Mit Linken Kuchen backen.
      – Mit Linken Urlaub machen.
      -Mit Linken Viertel demolieren.
      usw.

      Und rechtzeitig zum Advent:

      – Mit Linken eine Mauer basteln!

      In Vorbereitung: Mit Linken die Überreste ihrer geliebten Mauer besichtigen ,mit Originalaufnahmen der Mauerschützen und der Opfer der SED Diktatur ,mit Interviews von Mitgliedern der Nachfolgepartei der SED.

      • Getroffene Hunde bellen…

      • Aha, A. H.,

        und die haben Sie alle ganz alleine von vorne bis hinten vollgeschrieben? Mit richtiger brauner Tinte?

        Reeeespekt. Eins acht, mei liaba Schiaba!