Donnerstag , 20. September 2018
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Yves Dudziak, Stefanie Schwab und Britta Focht in einer starken Fassung von „Augusta“. Foto: theater

Auf Händen und Knien nach oben

Lüneburg. Wer bekommt die Putzprämie? Und welche Opfer werden dafür gebracht? Wer klettert in dem nationalen Unternehmen das Karrieretreppchen hinauf? Auf wesse n Kosten? Sind Neid, Missgunst und Gier am Ende stärkere Triebfedern als Freundschaft, Loyalität und Solidarität? Mit diesen – allzu menschlichen – Fragen beschäftigt sich „Augusta“, das 2006 als erstes Schauspiel der „Happiness Trilogie“ von Richard Dresser erschien und am Freitagabend Premiere im nahezu ausverkauften TNT feierte.

In Augusta, der Hauptstadt des nordamerikanischen Bundesstaates Maine, soll demnächst eine nationale Firmentagung eines Nationalunternehmens im Bereich Häuserreinigung stattfinden, von der sich Jimmy, der – noch – einen mittleren Posten in dem Unternehmen bekleidet, einiges erhofft. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger Tommy, den alle und besonders Molly toll fanden, hat er eine „ganze Lawine von Anzügen“.

Und einen ziemlichen Sockenschuss. Yves Dudziak verkörpert diesen durchgeknallten, exaltierten, machthungrigen und im Grunde zutiefst verunsicherten Jimmy, der sich in Worthülsen und Manager-Sprachblasen flüchtet: „Wir beschäftigen uns nicht mit Problemen. Wir konzentrieren uns auf Lösungen.“ Als Vorgesetzter spielt er Teamleiterin Molly und die Auszubildende Claire gegeneinander aus, fordert sie zu gegenseitigen Bespitzelungen auf und verspricht der jungen, schönen Claire, sie mit zum nationalen Kongress zu nehmen. Wer weiß, was sich da für Chancen, auch für sie, bieten.

Stefanie Schwab spielt diese zunächst übersprühende, optimistische, extrovertierte junge Frau, die – ganz dem amerikanischen Traum verpflichtet – daran glaubt, sich nach oben putzen zu können. Ganz anders Molly, die desillusioniert und vom Leben enttäuscht ist. Britta Focht spielt eine spröde und resignierte Molly, die zwischendurch aufblitzen lässt, dass das Leben ihr nicht immer so hart zugesetzt hat.

So unterschiedlich die Frauen sind, die im Sommerhaus der wohlhabenden Mrs. Townsend auf Knien und Händen die Böden wienern, so sehr verbindet sie ihr Schicksal im gesellschaftlichen Bodensatz. Trotz Jimmys intriganten Schachzügen und Winkelspielen entwickelt sich eine solidarische Freundschaft zwischen den beiden. Aber – wird diese bestehen können? Was wiegt am Ende mehr: die Aussicht auf Aufstieg oder die Loyalität zueinander? Richard Dresser ist mit seinem Stück eine präzise und schonungslose Analyse der nordamerikanischen Gesellschaft, in der es kein soziales Netz mehr gibt, gelungen. Und unter der Regie von Matthias Herrmann zeichnen die drei Protagonisten dieses Bild einer aufgegebenen und im Abseits bleibenden (und immer größer werdenden) Unterschicht sehr eindringlich nach. Und angesichts der aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen in den USA könnte „Augusta“ nicht zeitgemäßer sein.

Von Silke Elsermann