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Chief Inspector Tanner (Christian Baumgarten, links) und Sergeant Totty (Alexander Köpp) begeben sich zur Mördersuche auf ein düsteres Schloss. Foto: lz/t&w

Es muss nicht immer Lesung sein

Lüneburg. Angekündigt war ein Live-Hörspiel: „Das indische Tuch“ nach Edgar Wallace. Der Stoff besitzt als Film aus den 60er Jahren eine Art Kultstatus. Der Film war aber nicht wiederzuerkennen, als das „Kunst & Fertig“-Team jetzt eine sehr witzige Verarbeitung beim Krimifestival aufführte, vor ausverkauftem Haus bei Lünebuch. Wer den Film mit Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Klaus Kinski, Eddi Arent und anderen kennt, der muss irritiert gewesen sein. Fast nichts war wie im Film – und alles stimmte trotzdem.

Fast nichts war wie im Film – und alles stimmte trotzdem

Der Hintergrund lässt sich aufdröseln. Am Anfang vom Mord war das Wort: ein Edgar-Wallace-Roman aus dem Jahr 1932 (Orginaltitel: „The Frightened Lady“). Er wurde schon 1940 in Großbritannien verfilmt, nah entlang der Vorlage. Auf Deutsch kam dieser Film unter dem Titel „Der Schrecken von Marks Priory“ vor rund 70 Jahren ins Kino und ist längst in den Archiven versunken. Der Ort, ein Teil der Personen und die Tatwaffe finden sich in der deutschen Produktion „Das indische Tuch“ wieder, die dann eine ganz andere, eher bei Agatha Christie angelehnte Geschichte erzählt.

Die Theaterwerkstatt von Kunst & Fertig folgt dem älteren Film und hat aus ihm eine Fassung für sein vierköpfiges Team geschneidert. Das Live-Hörspiel überbietet die originalen 81 Minuten um einiges, was aber nichts macht, da das Ergebnis noch bei kleinen Pannen hoch amüsant ist. In Aktion treten Christian Baumgarten, Petra Flindt, Alexander Köpp am Steh- und dazu Kirstin Rechten an einem Sitzpult. Von dort aus steuert sie die Geräusche, lässt Türen klappern, Schreibmaschinen klackern und per Kazoo Sirenen heulen. Wunderbar!

Kunst & Fertig absolviert ein großes Stück Arbeit

Der Sound passt zum Geschehen, das mal szenisch, mal als Lesung und immer als Live-Hörspiel in das Schloss führt, in dem einigen Herrschaften die Luft wegbleibt. Es treten auf: die eiserne Lady Lebanon, ihr inzestuös verdrehter Sohn, der schleimige Butler Gilder, die schöne, bei Bedarf kräftige Isla, ein so arroganter wie intriganter Arzt, der sehr verdächtige Mr. Briggs und weitere. Ins Zentrum aber rücken Chief Inspector Tanner und sein gebeutelter Inspector Totty. Bis sie den Fall gelöst haben, ist das Personal des Stücks um einige Personen geschrumpft bzw. gemeuchelt.

Das kommt den Akteuren ein wenig zupass. Denn sie spielen ja alle mehrere Figuren. Durch den fliegenden Wechsel von Kappen, Mützen und Hüten sind die handelnden Personen optisch auszumachen. Das Verdrehen der Stimmen, die Körperhaltung, Gestik, Mimik – all das führt übers Live-Hörspiel hinaus. Oft geht das in rasendem Wechsel, was zu Slapstick-Situationen führt. Jede Figur erhält ihren Charakter, da wird kein Klischee ausgelassen, aber genau so soll es ja sein. Wie Christian Baumgarten den Inspektor mit abgeklärter Lässigkeit spricht, Alexander Köpp seinen Sergeant allen Frauen hinterherschmachten lässt, Petra Flindt der Schlossherrin Härte ins Gesicht meißelt, das ist absolut gelungen.

Okay, etwas kürzer könnte es sein, und der Showdown ist nicht der dramatischste, aber das sind Kinkerlitzchen. Kunst & Fertig hat ein großes Stück Arbeit absolviert, einen runden Abend geschaffen. Im kommenden Jahr soll die Mörderei weitergehen.

Von Hans-Martin Koch