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Andreas Gruber erzählte als Gast des Krimifestivals von seinem Schriftsteller-Dasein, auch von den schwierigen Anfängen. Foto: lz/t&w

Nach drei Seiten waren schon alle tot

Lüneburg. Ein Krimi braucht Opfer, daran ist nicht zu rütteln. Andreas Gruber lässt sie auf recht fantasievolle Art ermorden: Sie werden in Tinte ertränkt, ihnen werden Finger abgehackt, sie sterben den Hungertod, werden bei lebendigem Leib in Beton eingegossen. Solche Erzählungen brauchen beim Verlag eine belastbare Lektorin. „Ich frage dann immer, ob das nicht zu brutal ist“, erzählt Gruber, „und ich bekomme dann die Antwort: Nein nein, gehen Sie ruhig noch mehr in die Einzelheiten.“ Und so ist bei Goldmann nun der vierte Teil – genauer: der erste Teil der zweiten Trilogie – mit dem Profiler Maarten S. Sneijder erschienen: „Todesreigen“ stand im Mittelpunkt der jüngsten Lesung des Lüneburger Krimifestivals.

Das bekannteste Bonmot von Andreas Gruber geht so: „Schriftstellerei bedeutet für mich, dass ich interessante Figuren erfinden darf, ohne in der Psychiatrie zu landen – und Menschen auf originelle Weise ermorden kann, ohne im Gefängnis zu landen. Aber sonst bin ich ein netter Kerl.“ Im ausverkauften Konzertsaal der Musikschule, eingeladen von Lünebuch, stellte der 1968 in Wien geborene Autor seinen interessanten, aber nur bedingt sympathischen Helden vor: den Holländer Maarten S. Sneijder, 50, ein hochbegabter Kripopsychologe mit 97 Prozent Aufklärungsquote, zurzeit allerdings suspendiert. Er bekämpft seine notorischen Kopfschmerzen mit Marihuana, kann sich selbst akupunktieren und lässt nur die eigene Meinung gelten. Er klaut Bücher, hasst Smalltalk, Klugscheißer und Zimmerpflanzen. Credo: Ein Mörder muss innerhalb von 48 Stunden gefasst werden.

Die Spur führt ins Bundeskriminalamt

Diesmal geht es um eine Reihe von Polizisten, die auf grausame Art Selbstmord begehen. Als Kommissarin Sabine Nemez misstrauisch wird und Sneijder um Hilfe bittet, verschwindet sie spurlos. Die Spur führt mitten hinein ins Kriminalamt. So weit der Todesreigen.

Andreas Gruber las nur drei knappe Passagen, lieber erzählte er Anekdotisches aus seinem Schriftsteller-Dasein. Das begann mit fünf Jahren („Ein Comic-Strip, ich konnte ja noch nicht schreiben.“), wurde mit neun Jahren fortgesetzt („Nach drei Seiten waren alle Akteure tot“), und führte zunächst dazu, dass er mit 28 Jahren einen „wirklich grottenschlechten“ Roman schrieb, für den er „bei hundert Verlagen hundertundeine Absagen“ erhielt. Er studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien, wurde Controller und kehrte dann doch zum Schreiben zurück: Horror, Science Fiction und eben Krimis. Längst hat er in allen Genres die wichtigen Preise abgeräumt.

Auch ein erfolgreicher Autor mit einer solidarischen Lektorin hat es nicht immer leicht. Bei dem Todesreigen-Vorgänger „Todesurteil“ beispielsweise, da zeigt das vom Verlag ausgewählte Cover ein Klappmesser vor Nordsee-Kulisse. Allerdings war das Opfer in der entsprechenden Szene mit einem Beil zerhackt worden. „Also habe ich das umgeschrieben – jemanden mit einem Messer zu zerstückeln, dauert natürlich viel länger.“

Immer auf der Suche nach neuen Schauplätzen

Ein Schriftsteller ist allzeit im Dienst, Lese-Reisen sind da recht ergiebig, „ich schaue in den Städten immer, wo ich mal die eine oder andere Leiche unterbringen könnte und mache viele Fotos“. Gegenüber dem Alten Kaufhaus sei ihm „so ein Holzturm“ aufgefallen. „Das ist der Alte Kran“, half Lünebuch-Chef Jan Orthey, „der wurde im Inneren mit großen Hamsterrädern betrieben“. Riesengroße Hamsterräder? Andreas Gruber wird sich das merken.

Die eingangs aufgeführten Todesarten übernahm Andreas Gruber übrigens aus dem „Struwwelpeter“, siehe Suppenkaspar, Hans Guck-in-die-Luft, Daumenlutscher – ein Kinderbuch, 1844 verfasst von dem Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann, der mal ein richtig gutes Kinderbuch schreiben wollte. Da erscheint selbst Andreas Gruber als harmlos. Aber er ist ja eigentlich auch ein netter Kerl.

Von Frank Füllgrabe