Donnerstag , 20. September 2018
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Bruno Bruni präsentiert das Ölgemälde „La fine“ (Das Ende). Foto: lz/ff

Graue Ganoven ohne Gesicht

Lüneburg. Surreale Gemälde von gesichtslosen Ganoven in Hut und Mantel. Bronzen von nackten Frauen, die unter schwerem Kitschverdacht stehen. Bilder von zerwühlten Betten und Zeichnungen von Che Guevara: Das Werk von Bruno Bruni ist schillernd und vielfältig, bunt und nicht billig. Davon kündet eine Ausstellung im Lüneburger Museum, eine Retrospektive mit einigen Verweisen auf die Kunstgeschichte.

Zu feiern ist das 40-jährige Bestehen der Adank Bauträgergesellschaft. Sie baute im Jahre 1987 das wilhelminische Thede Hallenbad in Hamburg für Bruno Bruni zu einem spektakulären Atelier um, daher die Freundschaft und die Einladung zum Firmen-Jubiläum. Aber Bruni, 1935 nahe Rimini geboren, kann man sich auch nicht in einem verkramten Dachstübchen vor der Staffelei vorstellen. Er liebt (als Künstler) die große Geste wie die akkurate Präzision, als „italienischer Hanseat“ oder umgekehrt als „hanseatischer Italiener“ wird er manchmal bezeichnet.

Ornamentale Orgien des Fin de siècle

Bruni studierte in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste bei Georg Gresko und Paul Wunderlich, wurde Maler, Plastiker und Grafiker, für seine Farblithographien erhielt er 1977 den – eigens für diese Technik geschaffenen – Internationalen Senefelder-Preis. Die Wurzeln des Italieners, so der Kunstkritiker Jürgen Schilling auf der Vernissage im Lüneburger Museum, liegen „bei den ornamentalen Orgien des Fin de siècle“ ebenso wie „bei den figurativen Strömungen der Vorkriegszeit, der Neuen Sachlichkeit und dem Surrealismus, marginal auch bei der zeitgleichen englischen Variante der Pop Art“.

In der Praxis fallen wiederkehrende Stereotypen auf – eben der anonyme, geisterhafte Mann in Hut und Mantel, mal gerade gestorben, mit dem Gesicht platt auf der Tischdecke, öfter in inniger Umarmung mit einer Nackten. Das sieht nach Mafia aus, der Borsalino, so Schilling „wandelt sich vom Freiheits- zum Dominanzsymbol“. Dieser teure Hut taucht auch anderswo auf, als Richard-Oelze-Zitat, und der graue Trenchcoat ist auch als Stillleben an einer Garderobe zu sehen, mit reichem Faltenwurf, dramatisch ausgeleuchtet.

Undurchdringliche Stoffe und glänzende, makellose Haut – Bruno Bruni schafft vor allem Oberflächen, kühl, erotisch und seelenlos, zuweilen satirisch überzeichnet. Die Couch des Psychiaters, gerade verlassen, die zerwühlte Decke in ihren bunten Mustern exakt ausformuliert, die Opulenz der Farben betont das Fehlen jeglichen Zugans zu den Protagonisten – da helfen auch einzelne Pumps auf dem Fußboden und das symbolhafte Bild eines brennenden Hauses an der Wand nicht weiter.

Che Guevara und Rosa Luxemburg gehören zu den wenigen Beispielen, in denen der Künstler, der in Deutschland übrigens bekannter und populärer ist als daheim in Italien, seinen Akteuren Gesichter gibt. Wieder anderen Facette: großformatige Blumenbilder und die riesigen Studien bunter Kröten und Chamäleons.

Die Ausstellung „Bruno Bruni – Malerei, Skulpturen, Grafiken“ läuft noch bis 19. November zu den Museums-Öffnungszeiten, begleitend ist ein Katalog erschienen.

Von Frank Füllgrabe