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Annette Wassermann (links) vertritt den Verlag, Juliana Kálnay den jüngsten Erfolg aus dem Haus Wagenbach. Foto: lz/oc

Bienenbüttler Buchwoche: Das größte Glück des Jahres

Edendorf. An diesem Abend geht es durch den Schankraum mit Geweihen in den Versammlungsraum mit grünen Tischdecken. Es gibt Gerolsteiner, Becks und Zwiebelkuche n. Der Saal ist gut gefüllt, vorn sitzen Annette Wassermann vor vielen und Juliana Kálnay vor einem Buch, ihrem eigenen. Was für ein Kontrast! Hier die Gattung der so liebenswerten wie aussterbenden Dorfkneipe, dort – angereist aus der Hauptstadt – der Wagenbach Verlag, eine Legende unter den unabhängigen Verlagen.

Möglich macht es die Buchwoche Bienenbüttel, ein großartiges Fest der Literatur. Anne-Grete Patz, Buchhändlerin in Bienenbüttel, und Dr. Katharina Meyer, Verlegerin in Gifkendorf, laden kleine, fern der Buchkonzerne überlebende Verlage ein und das in Orte, an denen sie garantiert nicht erwartet werden. Die Buchwoche läuft dieser Tage zum achten Mal, das Konzept wird angenommen. Verlage und Publikum kommen gern. An diesem Abend also ins Gasthaus zur Eiche, in das gerade noch ein paar Monteure einchecken.

Geschichte, Anarchie und Hedonismus

Der Wagenbach Verlag hält sich seit 1964 im Gespräch. Gründer Klaus Wagenbach ist heute 87 Jahre alt. Er ist gelernter Buchhändler, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie, promovierte über Franz Kafka. Als Wagenbach seinen Verlag mit Blick aufs Deutsch-Deutsche gründete, war er eine Art Seismograph. Er spürte die sich radikal wandelnde politische Stimmung und wurde mit dem Mix aus „Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus“ zu einer wichtigen Gestalt der 68er-Bewegung.

Das hatte Folgen: Die DDR verbannte ihn von ihren Straßen, in der Bundesrepublik gab es Verfahren, zum Beispiel, weil Wagenbach ein Manifest der RAF dokumentierte. Spätestens mit dem Weg in den Untergrund, den auch seine Autorin Ulrike Meinhof beschritt, war eine Grenze überschritten.

Klaus Wagenbach und die Literatur

Klaus Wagenbach lebte als Verleger seine Liebe zu Italien aus, die zur Kunstgeschichte, und in Sachen Kafka macht ihm niemand etwas vor. In den frühen Jahren wurden Liebesgedichte von Erich Fried, die „Kursbuch“- und „Tintenfisch“-Anthologien zu Hits. Markenzeichen seit 30 Jahren ist die „Salto“-Reihe mit ihren leuchtend rot in Leinen fadengebundenen, für ihre Qualität preiswerten Bände. „Gehobene Geschenkliteratur“ meint Annette Wassermann. Sie arbeitet seit 17 Jahren im Verlag als Lektorin, ist für Lesungen und für die Medienarbeit zuständig. Sie erzählt an diesem Abend aus der Verlagsgeschichte, von der Arbeit an rund 25 neuen Titeln pro Jahr und neu aufgelegten Verlagsklassikern.

Wie alle kleineren Verlage ist Wagenbach auf Entdeckungsreisen unterwegs zu Büchern, „die es so in Deutschland nicht gibt“. Vieles läuft rund, manches floppt, und plötzlich springt ein Hit heraus: Alan Bennetts sehr amüsanter und herrlich skurriler Roman „Die souveräne Leserin“. 375 000 verkaufte Bücher – „das hatten wir vorher und leider hinterher auch nicht“, sagt Wassermann, Trotz angedrohter fünf bis sieben Stunden dauernder Präsentation des Verlags hält sie bei ihrem leidenschaftlichen Plädoyer fürs (Wagenbach-)Buch dann doch die Zeit ein. In etwa. Es muss Raum bleiben für „das größte Glück des Jahres“.

Geschichten über das Verschwinden

Das heißt „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ und führt ins Haus 29 und zu dessen Bewohnern. Dahinter steht Juliana Kálnay, 29 Jahre, sie lebt in Kiel. In ihrem Debütroman wendet sie eine Art Schachtelprinzip an, keine lineare Erzählung. Jede Wohnung wirkt wie ein Puzzleteil, jede birgt Geheimnisse, banale. skurrile, surreale. Das Buch schien nach Erscheinen kein Erfolg zu werden, tauchte plötzlich auf der SWR-Bestenliste auf, erntete danach begeisterte Kritiken, und die Autorin befindet sich zurzeit in einem Preisregen.

„Es gibt Menschen, die sind ihr Haus, und es gibt Menschen, die wohnen nur darin“, sagt Rita, die Schlüsselfigur in diesem Roman-Geäst voller Figuren, Miniaturen und Varianten des Verschwindens. „Motivische Übergänge“, so die Autorin, ziehen die Leser weiter in „poetische Hallräume“. Ein Mann wird zum Baum, einer lebt im Schrank, einer im Fahrstuhl, Rita war schon immer da. Wechselnde Erzählstimmen führen von Puzzleteil zu Puzzleteil. Es fügt sich etwas, aber nur etwas zusammen. Löcher im Puzzle sind immer spannender als ein komplettes. Juliana Kálnays konzentrierte Szenen und Sätze fächern Geschichten auf, die sich im Leser entfalten – bis auch das Haus verschwindet.

Von Hans-Martin Koch