Aktuell
Home | Kultur Lokal | Eine Reise gegen die Not
Carmen Stephan bei ihrer Lesung im Heine-Haus.

Eine Reise gegen die Not

Lüneburg. Eigentlich ist die Geschichte schnell erzählt. Im Jahr 1942 machen sich drei brasilianische Fischer aus einem armseligen Dorf an der Küste auf den Weg zu ihrem Präsidenten. Eine Fahrt voller Gefahren auf einem klapprigen Floß liegt vor ihnen. 61 Tage lang und 2381 Kilometer weit reisen sie, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.

Davon erzählt Carmen Stephan, die ihren Roman „It‘s all true“ jetzt im Heine-Haus vorstellte, als Kandidatin für den Preis der LiteraTour Nord. Tilman Lahme (Leuphana) moderierte die Lesung.

Die Fischer des kleinen Dorfes leben seit Generationen in bitterer Armut. Sie sind den Gefahren des Meeres ausgeliefert, ohne jede soziale Sicherung für sich oder ihre Familien, abhängig nur von dem, was das Meer ihnen gewährt. Und noch nicht einmal das dürfen sie behalten. Denn die Hälfte von jedem Fang gebührt einem Lehnsherrn, sodass es niemals für alle reicht. Die Fischer werden auf ihrer Reise zu Nationalhelden.

Regisseur Orson Wells erfährt von ihrer Odyssee und beschließt, einen Film darüber zu machen. Unglücklicherweise stirbt einer der drei Fischer, die Hauptperson des Romans, bei den Dreharbeiten.

Bei Carmen Stephan wird die kleine Geschichte zu einer Erzählung mit mehreren Ebenen

Carmen Stephan ist es gelungen, aus den Fakten mehr zu machen, als nur ein kleines, der Vergessenheit anheim gegebenes Ereignis, von dem in Europa bisher ohnehin nur die wenigsten gehört haben dürften. Bei der Autorin, die für ihren Vorgänger „Mal Aria“ mehrfach ausgezeichnet wurde, wird die kleine Geschichte zu einer Erzählung mit mehreren Ebenen.

Nicht selten gewinnt die Autorin der Episode philosophische Einsichten ab, die beim Leser hängen bleiben. Der Umstand, dass für ihn Liebe und die Verantwortung für die Familie das Wichtigste sind, treibt den Fischer Jacaré in der Erzählung hinaus auf das Meer. Er unternimmt die gefahrvolle Reise, weil er die Menschen in seiner nächsten Umgebung nicht länger leiden sehen will. Was auch immer ihm unterwegs zustoßen wird, es erscheint ihm nicht schlimmer als der Hunger und die Armut, der die Seinen ausgesetzt sind. Liebe und Mitempfinden treiben ihn an.

Ein Text, der voller Bilder ist

Dass ihn am Ende seiner Reise der Tod erwartet, das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihm geht es nur darum, das Leben durch eine mutige Tat ein wenig besser zu machen: Das gelingt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes gelingt den schutzlosen Armen, worum die Mächtigen sich sonst nicht zu kümmern pflegen. Sie erregen Aufmerksamkeit – mit nichts, als mit der Kraft ihrer Hände, die einander halten.

Carmen Stephan gelingt mit ihrem zweiten Roman ein Text, der voller Bilder ist, voller Metaphern, die den Lesern nicht mehr aus dem Kopf gehen. So, wie der Morgen am Meer, bei dem im Morgenrot die Vögel dem Göttlichen ihre Stimme leihen, um den neuen Tagesanfang zu verkünden. Metaphern wie diese gibt es viele, sie machen den auf den ersten Blick schlichten Text zur Poesie. Bei Carmen Stephan ist nicht nur wichtig, was sie erzählt. Spannend ist, wie sie es erzählt.

Von Elke Schneefuß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.