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Merle Hoch bringt in der Titelrolle jede Menge Marilyn-Appeal ins begeistert aufgenommene Musical. Foto: theater/t&w

Marilyn heißt jetzt Merle

Lüneburg. Der Stoff ist heiß. Er heißt ja auch so: „Some like it hot“ nannte Billy Wilder seinen Film, das war 1959. Er wurde und bleibt mit seinem Witz, seinem atemraubenden Tempo und Stars wie Marilyn Monroe so etwas wie Kult. Heißer Stoff drängt auf die Bühne. „Sugar“, das Musical, sucht seit 25 Jahren den Weg zum Erfolg und findet ihn mal mehr, mal weniger. Mal mehr gilt für die jüngste Produktion, bei der das Theater Lüneburg aufgefahren hat, was denkbar ist: verstärktes Orchester, verstärkter Chor, überhaupt ein verstärktes Ensemble mit Ballett und allem drum und dran. Die Folge: verstärkter Applaus!

Trotzdem: „Sugar“, die Geschichte von den beiden Männern in der Frauenband, war und ist ein riskantes Unterfangen. Es kann nicht gelingen, das Tempo, die Action und den kinotypischen Slapstick bis in die Mimik eins zu eins zu übertragen. Die Bühnenkunst muss einen anderen Weg gehen, etwas dagegensetzen. Buch und Texte bleiben allerdings nah am Film. Komponist Jule Styne schrieb knalligen Orchesterswing dazu, den die Lüneburger Symphoniker unter Ulrich Stöcker und der große Chor mit Kraft und Dynamik transportieren. Zu hören ist lauter Musik, die vertraut erscheint, ohne es zu sein.

„Sugar“ erschien 1972, als rockige Musicals die Welt eroberten, sie bildeten den Geist der Zeit ab. Die Billy-Wilder-Adaption steht noch für die klassischere Ära, als das Musical einen Hauch Operette atmete. Was macht das Lüneburger-Team aus dem so heißen wie schweren Stoff? Eine kunterbunte, rassige und gern auch mal knallige „Sugar“-Tanzrevue. Dafür ist Ballettdirektor Olaf Schmidt der richtige Mann. Es ist so viel Bewegung auf der Bühne, dass gar nicht alles gesehen werden kann.

Barbara Bloch hat dem Team eine Bühne gebaut, die blitzschnelle Ortswechsel zulässt und viel Raum bietet. Zu den vielen Garanten der Publikumsverführung gehören die typengenauen Kostüme (Claudia Möbius) – da musste das Schneiderei-Team fröhlich ackern. . .

Durch den gleißenden Show-Wert des Abends gehen ein paar Schwachpunkte unter, das ist gut so. Die Story wird ein wenig zur Nummernrevue, einige Figuren bleiben flach, und die Brisanz, die zum Beispiel im Mann/Mann-Thema steckt, wird durch den Spaß am Spaß überspielt. „Nobody is perfect“, sagt am Ende Sir Osgood Fielding.

Drei Gäste reißen das Musical an sich. Männer in Frauenkleidung, das ist zwar ein alter Hut und verführt schnell dazu, verschwuchtelte Billiglacher zu provozieren. Nichts davon! Kristian Lucas als Jerry/Daphne und Gerd Achilles als Joe/Josephine setzen Ironie, ein Stück Tiefe und so präzises wie locker herausgespieltes Timing dagegen. Und natürlich ist „Sugar“ Merle Hoch ein Star der Produktion. Olaf Schmidt setzt voll auf den Marilyn-Faktor, auf dieses Naivität/Berechnung/Sex-Gebräu. Das ist eigentlich längst peinlich, aber – mit Patina überzogen – denn doch amüsant. Merle Hoch jedenfalls hat die Kiekser drauf, die Posen, die Zuckersüße, die Stimme und zeigt natürlich, dass auch eine Wasserstoffblondine das Herz auf dem richtigen Fleck haben kann.

Viele im Team können kräftig aufdrehen. Claudine Tadlock spielt mit spürbarer Lust am Donnerwort die Frauenband-Chefin, sie heißt „Sweet Sue“ und ist so gar nicht sweet. Das bekommt vor allem der von ihr permanent gedemütigte Manager Bienstock ab. Steffen Neutze zeigt diesen verstruselten, unterwürfigen Mann, geduckt und überhastet. Neutzes Part ist gut ausgeprägt, das gelingt nicht durchgängig. Ulrich Kratz aber kann mit seiner Präsenz punkten. Sein verliebter Millionär wird immer lakonischer und damit besser. Kratz macht alles mit, einmal rollt er mit dem Gocart auf die Bühne. Die Szene zeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen Gag, Ironie und (gezieltem) Klamauk ist. Es gibt Szenenapplaus, also hat der Regisseur riskiert und gewonnen.

Das Spiel mit den Klischees zieht sich durch den Abend, das Publikum hat riesige Freude daran. „Sugar“ ist schon ein Erfolg: „Ausverkauft“ steht bereits an mehreren Abenden im Spielplan.

Von Hans-Martin Koch

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