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Dr. Werner Preuß hat einen weiteren Beitrag zur regionalen Kulturgeschichte herausgegeben. Foto: a/lz/ca

Sie schrieben sich frei

Lüneburg. Keiner gräbt so tief in Archiven und Bücherstaub wie Dr. Werner H. Preuß. Der Bardowicker Publizist und Forscher in Sachen Regionalkultur schrieb über Heinrich Heine in Lüneburg, über das Wasserviertel, über den Künstler Jean Leppien, über Kunst im öffentlichen Raum, und immer wieder stößt er auf Menschen und Texte, denen er zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. Preuß gab ein Fastnachtsspiel von Nicolaus Loccius aus dem Jahr 1619 neu heraus, und nun haben es ihm sechs Frauen mit Lüneburg-Bezug angetan, deren Werk und Leben er unter dem Titel „Freie Sklavinnen“ zusammenfasst.

„Freie Sklavinnen“ hieß 1915 ein Roman von Emma Böhmer (1861-1943). Sie wuchs in Lüneburg auf, war dabei, das Lehramt zu ergreifen, wechselte zur Schriftstellerei, ging nach Berlin. Dort wurde sie Mitglied im Deutschen Schriftstellerinnen Bund und kämpfte sich als Autorin von Romanen durch. In ihnen fordert sie in leidenschaftlicher Sprache das Recht für Frauen auf eine erfüllte Liebe in freier Wahl und Entfaltung. Im Alter lebte die Schriftstellerin eher einsam in einem Heidekloster.

Es sind spannende Lebenwege, die Werner Preuß recherchiert und skizziert hat – über das zum Teil Bekannte hinaus. Sehr mutig für ihre Zeit und geradezu verfilmenswert lebten die Schriftstellerin Margarete Boie (1880-1946) und die Künstlerin und Naturschützerin Helene Varges (1877-1946). Boie, geboren in Berlin, arbeitete während des Ersten Weltkriegs als Redakteurin bei den Lüneburgischen Anzeigen, ging mit Varges eine Lebensgemeinschaft ein. Sie lebten unter anderem in Lüneburg und auf Sylt. Boies Roman „Der Auftakt“ hatte Preuß 2014 herausgegeben. Der Roman führt sehr anschaulich ins Lüneburg der 1910er Jahre.

Kaum bekannt sein dürfte selbst Kennern der regionalen Kulturgeschichte Wilhelmine Resimius-Berkow (1862-1942). Die Lüneburgerin, eins von elf Kindern einer Arbeiterfamilie, musste etliche harte Schicksalsschäge überstehen, sie arbeitete als Büglerin. Mit 50 Jahren aber begann sie, auf Plattdeutsch zu schreiben. Sie lebte in ärmlichen Verhältnissen, ein Roman fand keinen Verlag, aber in den Zeitungen wurde die Lüneburgerin gelegentlich gewürdigt.

Eine Vorkämpferin der Frauenbewegung

Ein weiteres Kapitel gehört Mathilde Lammers (1837-1905). Sie war als Pädagogin tätig, lebte zweitweise in Paris, schließlich in Bremen. Lammers kann als eine Vorkämpferin der Frauenbewegung gelten, ging es ihr doch darum, dass Frauen auch ökonomisch auf eigenen Beinen stehen können.

Zu den fünf Frauen, deren Lebensweg im 19. Jahrhundert begann, fügt Werner Preuß noch Gertje Suhr hinzu, die 1943 geboren wurde, zum Kriegsende eine Zeit in Lüneburg lebte und der Stadt familiär verbunden blieb. Geertje Potash-Suhr lebt seit 1971 in Chicago, kehrte aber wiederholt zurück – mit ausgefeilten Texten, die das selbstbestimmte Leben von Frauen bestärken.
Die Lebensläufe der Autorinnen sind spannend, aber knapp gefasst. Denn Preuß will den Autorinnen die Stimme zurückgeben. Das geht nur über die Texte, die heute weitgehend, wenn überhaupt, antiquarisch zu finden sind. Würdigungen von Dritten finden in der Anthologie aber auch einen Platz.
„Freie Sklavinnen“ hat 296 Seiten, erschien im Almáriom Verlag und kostet 28,50 Euro. oc