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Der Journalist und Autor Manfred Ertel bei der Buchpräsentation an Bord der Queen Mary 2. Der gigantische Atlantik-Liner ist oft in Hamburg zu sehen. Fotos: lz/ff

Queen Mary 2: Der Smoking kneift bei fast jedem

Hamburg. Manfred Ertel, Jahrgang 1950, ist ein altgedienter Spiegel-Redakteur und Autor, zuletzt erschien das Profifußball-Buch „Hört die Kurve“. Außerdem ist der Journalist mit Wohnsitz St. Pauli ein Freund der Schifffahrt, „ich nehme sogar Umwege in Kauf, um mit der Elbfähre Hoopte-Zollenspieker fahren zu können“. Es geht aber auch ein paar Nummern größer. Manfred Ertel war mit dem Luxus-Liner „Queen Mary 2“ auf der klassischen Nordatlantik-Passage nach New York unterwegs. Daraus ist nun ein Buch geworden: „Leben mit einer Königin“.

Der Dollar als Bordwährung der Queen Mary 2

Das 345 Meter lange Kreuzfahrtschiff (zum Vergleich: Die legendäre Titanic maß 269 Meter) ist das Flaggschiff der englischen Reederei Cunard und so etwas wie ein schwimmender Buckinghampalast – eine britische Festung, eine Erinnerung an glanzvolle Zeiten, auch wenn die Bordwährung der Dollar ist und Art Deco als richtungsweisend für die Inneneinrichtung galt. Zugleich ist die QM2 ein Gegenentwurf zu den Aidas, den Schiffen mit dem Kussmund am Bug, die sich an ein tendenziell junges und nicht ganz so zahlungskräftiges Publikum richten.

Die Queen ist prunkvoll, nobel, teuer und vergleichsweise geräumig, es gibt nur rund dreitausend Gästebetten, anderswo werden deutlich mehr Passagiere untergebracht. Nur eines ist gleich: die niedrige Decke in den Gängen und Kajüten (Sorry: Suiten), schließlich sollten so viele Stockwerke wie möglich aufeinandergeschichtet werden, die QM2 hat 13 Passagierdecks.

Die reichen britischen Witwen, die ihren Lebensabend auf den sieben Weltmeeren verbringen – es gibt sie wirklich. Manfred Ertel hat mit ihnen gesprochen, und auch mit den Eintänzern – „Gigolos“ nannte man sie früher–, von denen sich die Ladys allabendlich professionell auf die Tanzfläche führen lassen. „Kein Gesprächspartner konnte mir verloren gehen“, sagt Manfred Ertel, „das sind für Journalisten natürlich ideale Bedingungen.“

Zu Wort kommen auch der ehemalige bulgarische Basketball-Profi Ventsislav Vasilev, der an Bord als Fitnesstrainer arbeitet, und das philippinische Zimmermädchen Nancy Reciproco, das daheim fünf Kinder hat. Sie hätte gern als Kellnerin auf dem Schiff gearbeitet, ist aber mit 155 Zentimetern zu klein – „und nicht einmal diese Diskriminierung“, schreibt Manfred Ertel, „verdrängt das fröhliche Lachen aus ihrem Gesicht.“ Rund 60 Prozent der Mannschaft kommen von den Philippinen.

Feine Kleidung gehört einfach dazu

Natürlich ist das Buch in Absprache und in Zusammenarbeit mit Cunard entstanden, es hat seinen Wert als Werbeträger. Hier geht es nicht darum, dass solche Kreuzfahrtschiffe gigantische Dreckschleudern sind, und natürlich sympathisiert der Autor mit den Gastgebern. Aber er ist eben auch ein erfahrener Profi, der seine Reportagen nicht zu reinen Gefälligkeitsartikeln macht.

Dazu gehört die amüsierte Beobachtung der Passagiere (aus mehr als 40 Nationen), die sich gern dem strengen Dresscode unterwerfen, denn auch das macht den Charme der Queen Mary 2 aus: Ohne feinen Zwirn, ohne Abendkleid geht niemand an Bord. Auch wenn die Kleidung nicht mehr wirklich maßgeschneidert sitzt , „die Smoking-Jacke kneift bei fast jedem“, so Manfred Ertel. Und dass fröhliche amerikanische Gäste ihre schneeweißen Dinerjackets für abendtauglich halten, wird dann von der britischen Besatzung nobel, wenn auch zähneknirschend, akzeptiert.

Manfred Ertel: „Leben mit einer Königin“, Koehler Verlag, 192 Seiten, zahlreiche Farbfotos, 24,95 Euro.

Von Frank Füllgrabe