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In Höchstform: Chris Thompson, im Hintergrund Ann Sophie und Julia Bergen. Foto: lt/t&w

So darf es weitergehen

Lüneburg. „Somewhere over the rainbow, way up high, and the dreams that you dreamed of once in a lullaby.” 23.30 Uhr. Chris Thompson und Nevio Passaro stehen au f der Bühne und singen dem Publikum ein Ständchen. Dreieinhalb Stunden erlebten die 575 Besucher der ausverkauften 1st Class Session unter dem Motto „Rock meets Classic“ einen bravourösen musikalischen Abend – Begeisterung sei an dieser Stelle gestattet. So viele Musiker hatten bis dato noch nicht auf einer gemeinsamen Session-Bühne gestanden. 16 waren es an der Zahl.

Das Neue daran: Die bewährte Band aus Robbie Mariano (Bass), Ralf Gustke (Drums), Rainer Scheithauer (Keyboards) und natürlich Peer Frenzke (Gitarre) hatte Verstärkung der vorzüglichen Art bekommen: Unter Taktgeber Alexander Eissele – dieser Mann kann mitreißen – sorgten Markus Menke (Violine), Julia Hoffmann (Violine), Antje Dampel (Viola) und Daniel Munck (Cello) für die sanften Klänge, die sich mit der Rockformation sehr gut ergänzten, aber auch eigene Akzente setzten. Eissele selbst hatte einige Mitglieder seiner Lumberjack-Bigband mitgebracht: Gregor Schor (Altsaxophon), Benjamin Lindner (Trompete) und Tobias Scheibeck (Trombone).

Das hätte eigentlich schon ausgereicht. Doch eine 1st Class Session lebt von den Gastmusikern; und hier hatten die Veranstalter ein gutes Händchen bewiesen, denn Chris Thompson, 69, röhrendes Urgestein der Manfred Manns Earth Band, gab sich mit Nevio Passaro, 37, italienisch-deutscher Singer/Songwriter, die Klinke in die Hand; beide hatten ihre Soloparts und brachten das Publikum zum Jubeln. Die Dritte im Bunde war Ann Sophie, die 2015 nur den letzten Platz beim Eurovision Song Contest belegte – unverständlich, denn die 27-Jährige, die mit der Lüneburgerin Julia Bergen den Backgroundpart übernahm, ist zweifellos eine herausragende Sängerin. Dass sie bei der Session nur einen Solopart mit ihrem neuen Song „Boy“ hatte, war schade, schmälert aber nicht den Gesamteindruck des Abends.

So konzentrierte sich die Session auf Passaro und Thompson. Passaro, unlängst Vater geworden, wie er stolz erklärte, ist eine echte Entdeckung: Seine vielseitige Stimme, seine eingängigen Songs erzeugen Wohlfühlatmosphäre. Thompson wiederum brachte Klassiker wie „Davy‘s on the road again“ und „Mighty Quinn“ mit – dargeboten in einem fetzigen Gewand dank oben genannter Rhythmussektion. Und ein komplexes Zehn-Minuten-Stück wie „Father of Day, Father of Night“ auf die Hälfte zu kürzen und dabei den Charakter der Komposition komplett zu bewahren, ist gelinde gesagt meisterhaft. Dass die Earth Band unzählige Perlen produziert hat, machte Thompson mit dem mehr als 40 Jahre alten schönen Stück „Questions“ deutlich – ein Lied, das immer noch gepflegte Gänsehaut produziert.

Bleibt zu erwähnen, dass die junge Sängerin Janice von Produzent Peter Hoffmann mit einigen Stücken zu Beginn der Session ein schönes Warm-Up lieferte; und dass die Akustik über den ganzen Abend eine glatte Punktlandung war. Indes haben die Veranstalter nun ein hausgemachtes Problem: Was soll jetzt noch kommen?

Von Thorsten Lustmann