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Um 1930 malte Carl Knauf das Gemälde „Dorfstraße Nidden“; genau datieren lassen sich seine Bilder selten. Foto: museum

Ein Sehnsuchtsort namens Nidden

Lüneburg. Es gibt diese Sehnsuchtsorte. Künstler kennen das, sie sammeln sich dort. Hiddensee. Worpswede. Ahrenshoop. Monte Verità. Murnau. Skagen. Immer entdec kten die Großstadtflüchter Ruhe, Einsamkeit, erschienen Landschaft und Licht spektakulär, lebten dort Menschen in harter Arbeit und Armut – und wurden dadurch zum idealen Objekt der malerischen Begierde. Manche dieser Künstlerkolonien gerieten in den Wirren der Zeit aus dem Blick. Nidden war fast vergessen, weil kriegs- und kriegsfolgenbedingt kaum erreichbar. Einen von vielen aus Nidden, den Maler der Kurenkähne, rückt das Ostpreußische Landesmuseum jetzt ins Licht: Carl Knauf (1893-1944).

„Oh je“, sagt Dr. Jörn Barfod auf die Frage, wie oft er nach Nidden reiste. Barfod ist Kustos für Kunst- und Kulturgeschichte am Ostpreußischen Landesmuseum und einer der besten Kenner der Künstlerkolonie auf der Kurischen Nehrung. Seit 1991 ist Barfod mit Nidden befasst, er kann die Reisen nicht zählen, er knüpfte vor Ort Kontakte, realisierte Ausstellungen, verfasste Kataloge und Bücher.

Über Carl Knauf ein ganzes Buch zu schreiben, wäre allerdings schwer. „Es gibt kaum Literatur über ihn, er lebte zurückgezogen, war nicht gesellig.“ Die Bilder aber, die Knauf von Dünen und Kähnen malte, „wurden ihm zeitlebens von der Staffelei weggekauft“. Damals, also etwa Anfang der 1930er-Jahre, war Knauf populär. Seine menschenleeren Bilder, in denen sich das Schöne, das Spröde und Herbe der Natur vermitteln, trafen den Geschmack der Zeit.

Zählt man allein die Bilder voller Kurenkähne, die sich im Hafen drängeln oder ihren Weg durchs Wasser suchen, ist zu spüren, wie versiert und zugleich wie kundenfreundlich Knauf arbeitete. Das gilt auch für die Dünenlandschaften und die Häuser, die sich vor Wind und Wetter zu ducken scheinen.

Knauf wurde schnell vergessen. Seine Bilder waren geographisch weit verstreut. Das erweist sich heute als Vorteil. Denn anders als bei Malern aus Nidden und Umgebung, deren Werk rund ums Kriegsende vor Ort verbrannte oder verschwand, ist von Knauf einiges erhalten. Man muss es nur finden. Vor wenigen Jahren noch, so Barfod, konnte man schon mal ein Knauf-Gemälde für 80 Euro bei ebay abfangen. Mittlerweile seien 2000, 3000 Euro zu zahlen. Sammler wie Dr. Bernd Schimpke trugen Knauf-Bilder zusammen, das Ostpreußische Landesmuseum besitzt auch einige Arbeiten.

Die Geschichte der Künstlerkolonie Nidden begann in etwa vor 150 Jahren, als der Gasthof Blode öffnete. Er wurde zu einer Art Fixpunkt der Künstlerszene. Der aus Godesberg stammende Carl Knauf gehörte zu den Künstlern, die früh ein eigenes Haus in Nidden bezogen – ein Sommerhaus. Es steht noch, weiß Barfod – in schlechtem Zustand.

Die Zahl der Künstler, die länger oder kürzer mit Nidden verbunden sind, ist kaum überschaubar. An der Spitze stehen neben dem Schriftsteller Thomas Mann Malergrößen wie Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff. Es geht weiter bis zum 1918 geborenen Klaus Seelenmeyer, der später in Lüneburg als Kunsterzieher am Johanneum tätig war, oder zu Gertrud Lerbs-Bernecker, die als erste Frau an der Königsberger Akademie ein Atelier erhielt und nach dem Krieg bis zu ihrem Tod 1968 in Lüneburg lebte.

Carl Knaufs umfangreiches, mit kraftvollen Pinselstrichen und subtilen Farbstimmungen erarbeitetes Werk wird dem Spätimpressionismus zugerechnet. Knauf starb 1944. Seine Frau floh nach Kriegsende mit wenigen Habseligkeiten, Kinder hatten sie nicht. Das Vergessenwerden lag nah.

2015 gab es eine Knauf-Ausstellung in Klaipeda, in Zusammenarbeit mit dem Ostpreußischen Landesmuseum. Die Carl-Knauf-Ausstellung „Licht über Sand und Haff“ im Landesmuseum wird heute, Donnerstag, um 18.30 Uhr eröffnet.

Von Hans-Martin Koch