Dienstag , 18. September 2018
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Michael Köhlmeier beim Empfang vor der Lesung, die seine Lust, Kunst und Kraft des Erzählens spüren ließ. Foto: lz/t&w

Primzahlen der Literatur

Lüneburg. Michael Köhlmeier macht mit Lüneburg gute Erfahrungen. Vor zwei Jahren las er beim Wettbewerb der LiteraTour Nord im Heine-Haus a us seinem Roman „Zwei Herren am Strand“ über die Freundschaft von Charlie Chaplin und Winston Churchill. Köhlmeier gewann die LiteraTour. Jetzt kam er als Heinrich-Heine-Ehrengast zurück. Die Auszeichnung bekam der österreichische Schriftsteller mit dem üppig florierenden Werk für seine Lust, Kunst und Kraft des Erzählens.

Preise sammelt der 68-jährige Schriftsteller seit mehr als 40 Jahren ein, er gehört zu den Etablierten seiner Zunft. In seinem Werk finden sich Konstanten, aber auch ganz viele Nebenschauplätze von Drehbuch über Lyrik bis zum Songschreiben. Prosa bildet das Zentrum, das wurde im Gespräch mit Moderatorin Martina Sulner vom Literarischen Beirat des Heine-Hauses deutlich.

In seinem jüngsten Buch nimmt sich Köhlmeier den Heiligen Antonius von Padua vor. Seine Novelle nennt Köhlmeier „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“. Der Titel erinnert doch stark an Bestseller über Hundertjährige, die aus Fenstern springen, und Folgebücher. Es ist wie so oft auch hier nicht eindeutig, ob Köhlmeier ein Spiel betreibt. Er ist ein Autor des Dazwischens. Bei der Churchill/Chaplin-Geschichte zum Beispiel klingt alles so, als könne es wahr sein. Ist es aber nicht. Wahrheit aber kann viel weiter reichen als die reine Faktenlage.

Köhlmeier braut aus dem Nachweisbaren, der Legendenbildung, dem Mythos und der eigenen Erfindung so gut recherchierte wie gut fiktionaliserte Geschichten. Es ist nicht wichtig, ob es stimmt. Es ist nicht wichtig, eine Botschaft zu transportieren. Wichtig ist, ob es eine gute Erzählung ist und ob diese den Leser mitnimmt.

Am Beispiel Chaplin und seiner Figur des Tramps benennt Köhlmeier, wie sich Wahrnehmung und Realität nicht nur in der Literatur kreuzen. Die fiktive Figur, also der Tramp, erscheine als reale. Die reale, also Sir Charles Spencer Chaplin, interessiere nicht. Das nicht Eindeutige bietet starke Erzähl-, Sprech- und Denkanlässe, am Eindeutigen perlt alles ab.
Beim Heiligen Anton ist die Quellenlage dürftig. „Die Tatsachen, das, was abgesichert ist, passt in eine hohle Hand“, sagt Köhlmeier. Er grenzt seine Novelle auf das Sterben des Heiligen ein, baut aber drumherum Biographisches und Charakterisierendes ein. Den Hochmut des Intellektuellen etwa, noch dann, wenn er sich als Vorbild an Demut preist – und sich damit erneut über seine Welt erhebt.

Köhlmeiers Liebe zum Fakten/Fiktion-Mix gründet in seiner lebenslangen Liebe zu Märchen und Mythen. Er meint nicht die geschönten, von Bearbeitern moralisch aufgeputzten Märchen, sondern die originalen. „Sie sind rätselhaft, sie haben keinen Sinn. Sie sind die . Sie sind nicht erklärbar. Ich bin ihnen verfallen.“ In Köhlmeiers Literatur und noch mehr beim Erzählen schwingen eine langwährende, doch frisch bleibende Faszination mit – und plötzlich einschießender Humor.

Beispiele aus seinem Schaffen las Köhlmeier im gut besuchten Glockenhaus, aus dem Antonius-Buch, aus „Das Mädchen und der Fingerhut“ und zum Schluss ein Märchen, das erst 2019 erscheint. Es heißt „Das große Klatschen“, beginnt mit dem knackigen Satz „Es war einmal ein Parteitag“ und fast, aber wirklich nur fast könnte es ja so absurd gewesen sein wie in der Geschichte, in der Stalins Genossen Angst haben, mit dem Klatschen aufzuhören.

Literaturbüro und Literarische Gesellschaft veranstalteten die Lesung. Ihr voraus ging ein Empfang, bei dem sich Köhlmeier ins Gästebuch der Stadt eintrug. Bürgermeister Dr. Gerhard Scharff begrüßte den Ehrengast und erinnerte an Beispiele der Literatur, die Vergangenheit und Gegenwart mischt.

Von Hans-Martin Koch