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Jürgen von der Lippe am ersten von drei ausverkauften Comedy-Abenden. Foto: lz/t&w

Jürgen von der Lippe will ran an den Speck

Lüneburg. Nein, er trug keines seiner fernsehbekannten quietschbunten Hawaii-Hemden, sondern irgendwas Mattes, Taubenblau in Grau. Ansonsten aber verzichtete Jürgen von der Lippe auf dezente Töne. Im Kulturforum Gut Wienebüttel präsentierte der Comedian einen eher – nun ja, sagen wir: rustikalen – Humor, der beim Publikum bestens ankam. Die Zuschauer wussten, was sie erwartet, und konnten es auch kaum erwarten: drei Abende ausverkauft, kaum dass der Besuch des Schauspielers, Musikers und Entertainers bekannt war, das dürfte Kufo-Rekord sein.

Publikum wird nicht enttäuscht

Bekannt wurde Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp durch TV-Spielshows wie „Donnerlippchen“ und „Geld oder Liebe“. Der Künstlername hat nichts mit dem Adelsgeschlecht „von der Lippe“ zu tun, aber sein Geburtsort Bad Salzuflen liegt an der Lippe. Außerdem, so wird kolportiert, habe er den Namen gewählt, damit sich die Journalisten damit ein paar nette Wortspiele ausdenken können. Darauf sei hier verzichtet.

Jürgen von der Lippe gab sich – wie gewohnt – locker, seine gelassene TV-Präsenz mit dem lakonischen Humor funktioniert auch auf der Bühne. Aber diese Hemdsärmeligkeit ist Show, keine Kneipenatmosphäre in der Konzertscheune bitte! Höfliche Saalordner achten pedantisch darauf, dass niemand ein Glas Wein oder eine Flasche Bier mit in den Zuschauerraum nimmt. Es ist im Grunde noch nicht einmal gestattet, im Hintergrund, in Tresennähe zu stehen.

Sexismus und trockener Humor

In der Sache dagegen ist der 69-Jährige robust, es geht hauptsächlich um Das Eine. „Es ist kein Problem, beim Sex einzuschlafen. Das Aufwachen ist das Problem!“ Das ist noch erträglich, wenn er sich dabei über das eigene Alter und die Korpulenz lustig macht: „Bei den Königspinguinen brüten die Männchen die Eier in ihrer Bauchfalte aus. Damit hätte ich kein Problem.“

Auch Uralt-Witze können noch unterhaltsam sein, wenn sie professionell erzählt werden. Schwieriger wird es, wenn massiver Sexismus ins Spiel kommt. Witze über die Kleider von Helene Fischer sind okay. Aber was ist daran lustig, dass „bei Angelina Jolie die Augäpfel schwerer sind als der Hintern“? Auch Kacke, Kotze und Pupse sind sein Thema, da spielt er in der gleichen Liga wie Dietmar Wischmeyer. Branchenpreise ohne Ende hat Jürgen von der Lippe gewonnen, darunter zwei Mal den Adolf-Grimme-Preis, außerdem ist er Ehrenmitglied im Verein Deutsche Sprache. Irgendwie passt da etwas nicht zusammen.

Es gibt Atempausen, wenn er mit seinem furz(!)trockenen Humor über Procrastination (die „Aufschieberitis“) spricht, über den erfolgreichen Versuch, in der Kneipe vor der Arbeit zu flüchten, oder über einen dilettantischen Banküberfall, in dem sich Täter und Bankangestellte als alte Klassenkameraden begegnen. Aber dann geht es, und der Abend wird nun lang, doch wieder nur um „ran an den Speck“. Drei Zugaben.

▶ Heute, Donnerstag, 19.30 Uhr, gastiert der Kabarettist Martin Buchholz im Kulturforum; Titel: „Alles Lüge, kannste glauben!“ Der Berliner, der noch zu den klassischen Polit-Wortkünstlern zählt, trat – als erster seiner Zunft – bereits 1984 im Lüneburger Viskulenhof auf, dem Vorläufer des Kulturforums.

Von Frank Füllgrabe