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Rocko Schamoni beim Lästern und Lachen im Salon.

Ein Abend mit den Lünis

Lüneburg. Fast 30 Jahre Kulturforum, rund 20 Jahre Vamos, bald 34 Jahre Café Klatsch, dazu Ritterakademie, Halle für Kunst, blaenk (Ex-Mondmann bzw. -basis), Sa lon Hansen, HausBar, lunatic und noch mehr: Was wäre die Stadt arm ohne sie! Alle diese Clubs, Vereine, Initiativen, Kulturkneipen eint, dass sie von Studierenden auf den Weg gebracht wurden, und dass sie in der Mitte der Stadt angekommen sind. Manche sind mit den Besuchern der ersten Tage gealtert und diese mit dem Laden. Manche müssen gehen wie das Vamos. Manche wachsen erst so richtig in die Stadt hinein wie der seit 2010 aktive Salon Hansen.

Ein kleiner Tisch, zwei Flaschen Bier, Aschenbecher, ein Ringbuch, daneben Schlagzeug und Gitarren. King Rocko Schamoni ist im Salon zu Gast. Das Publikum im Salon Hansen ist zum Teil studentisch, aber viele Besucher mit weit mehr Jahresringen füllen den Raum. Bei Hansen geht es hautnah zu, Schamoni reagiert aufs Publikum, seine „lieben Lünis“. Mit Heinz Strunk und Jacques Palminger, die beide schon früher den Salon betraten, bildet Schamoni das Studio Braun. Das Trio macht mit Comedy, Musiksatire („Fraktus“) und Theaterarbeiten auf sich aufmerksam. Gerade läuft im Hamburger Schauspielhaus mit viel Aufwand „Der goldene Handschuh“ nach Strunks Fritz-Honka-Roman.

Autor, Musiker, Schauspieler, Clubbetreiber, Regisseur

Jeder der drei pflegt neben Studio Braun eigene Projekte. Schamoni (51) ist ein kultureller Vielfraß: Autor, Musiker, Schauspieler, Clubbetreiber, Regisseur und was noch so denkbar ist. An diesem Abend hat er Matthias Strzoda mitgebracht, ein alter Kumpel für Gitarre, Schlagzeug, Zweitstimme und Kommentare. Sie singen Lieder von den Lassie Singers und F.S.K. und steigen so in die Schlager-Subkultur der Achtziger herab. „Ein Lied kann eine Mauer bauen“, kalauert Schamoni. Aber da ist er bei Auszügen aus seinem – vielleicht – kommenden Buch „Dummheit als Weg“. Darin ärgert, poltert und amüsiert er sich über die Dummheit der anderen und über die eigene. Über gute Pointen und Skurrilitäten freut er sich wie das Publikum.

Maximal 199 Besucher fasst der Club im Keller des Vierortenhauses. Der Salon Hansen brachte viele Programme auf den Weg, die weit über die studentische Zielgruppe hinausgehen, zum Beispiel Lesebühnen, Poetry Slams und „Contra“-Partys in Erinnerung an eine Disco der frühen 90er. Wie bei einigen anderen Clubs wird im Salon Geld mit Partys verdient und fließt in Kulturprogramme – „querfinanzieren“ heißt das.

„Angebote schaffen, die in der Stadt sonst nicht präsent sind“, ist ein Anliegen der Betreiber. Das Konzept wurde mit dem Spielstättenprogrammpreis der Kulturstaatsminsterin gewürdigt. Der Salon gibt von Punk bis Funk Bands aus der Region eine Bühne, so viele andere Bühnen haben sie nicht. Es läuft außerdem eine hochkarätige Jazzreihe mit jungen Musikern, veranstaltet von Originalton, einem ebenfalls aus der Studentenszene gewachsenen Verein.

Die Kulturszene ist und bleibt im Wandel

Der Salon Hansen wird in Lüneburgs Kulturszene spürbarer, er ist ein bisschen in die Schrittmacher-Rolle geschlüpft, die einst das Kulturforum innehatte. 1988 war die Lüneburger Kulturszene noch ziemlich eindimensional aufgestellt und sehr übersichtlich. Das Kulturforum und einige andere brachen den tradierten Kulturbegriff auf. Der Salon Hansen muss sich heute in einem kaum überschaubaren Angebot von Kultur behaupten.

Das Hansen-Team und Mitstreiter drängen nun nach außen, etwa mit einem Felix-Meyer-Abend im Glockenhaus und ab 2018 mit dem Betreiben von Schröders Garten, in dem die Zahl der Kulturangebote steigen dürfte. Die Lesebühne, primär im Salon zu Haus, machte im Garten schon früher wiederholt von sich reden. Ein Abend im Salon Hansen, der ein Publikum weit über das studentische hinaus anziehen wird, folgt schon am kommenden Mittwoch. Dazu mehr in der nebenstehenden Playlist.

Dass die Kulturszene im Wandel ist und bleibt, dafür sorgen mehrere Faktoren. Dem Vamos wurde von der Uni gekündigt, es verendet zum Jahresschluss. Das Kulturforum hat seit Nema Heiburg seinen Avantgarde-Anspruch Gig um Gig aufgegeben und ist längst ein etablierter Ort für Veranstaltungen vielerlei Art, die in erster Linie eine Generation Ü 40 und älter ansprechen. Das Café Klatsch als Ort für Blues-, Cover- und andere Bands altert mit seiner Stammkundschaft und läuft, so lange Betreiber Ulli Schröder Kraft und Lust hat. „Im Augenblick läuft‘s gut“, sagt er. Schnell verglüht ist das studentische Team vom Kollektiv, das unter anderem im Sommer Theaterfestivals im Stadtinneren gestaltete. Der Wandel ist und bleibt die Konstante.

Von Hans-Martin Koch

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