Dienstag , 25. September 2018
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Herz, Humor, Melancholie
Jan Plewka und Gitarrist Marco Schmedtje entziffern den nächsten Songtitel.
Jan Plewka und Gitarrist Marco Schmedtje entziffern den nächsten Songtitel.

Herz, Humor, Melancholie

Lüneburg. Jan Plewka ist ein vielbeschäftigter Mann. Er gibt der Band Selig die Stimme. Er ist der einzig autorisierte Interpret der Lieder von Rio Reiser, auch wenn niemand so ein Autorisierungs-Prädikat verleihen kann. Plewka hat im Fünferpack ein wunderbar poetisches Programm mit den Liedern von Simon & Garfunkel im Gepäck. Er beschwört mit der Schwarz-Roten-Heilsarmee „Die Macht der Musik“. Heute Abend aber sitzt er mit dem musikalischen Dauergefährten, Co-Sänger, Gitarristen und Liederschreiber Marco Schmedtje auf Barhockern im Salon Hansen, kramt drei Flaschen alkoholfreies Bier aus dem Rucksack, hustet sich frei und hat noch einen alten Jutebeutel dabei. Der wird gleich wichtig.

„Between The Bars“ heißt das Programm. Plewka und sein Gitarrist singen sich durch lang vertraute Lieder: eigene , die von Rio Reiser und von Reisers früherer Politrockzeit mit Ton, Steine, Scherben, dazu die von Simon & Garfunkel. Und nun kommt der Jutebeutel zum Einsatz. In ihm verkruscheln sich ziemlich abgelesene Zettel mit Songtiteln. Besucher ziehen sie wie die Fee die Lottozahlen. Was draufsteht, wird gesungen, und die folgenden zwei Stunden und 15 Minuten werden die gefühlt schnellsten des Jahres – voll mit Melancholie, Herz und Humor.

Etwas Sehnsucht klingt immer mit

Plewka, 47 Jahre, geboren in Ahrensburg, ist Schauspieler, Komponist und vor allem Sänger. Seine Stimme gehört zu denen, die im Ohr bleiben, die unverwechselbar sind. Plewkas Stimme ist kraftvoll und rau, bei Husten noch ein bisschen mehr, sie durchmisst ein großes Spektrum, und immer schwingt sehr viel Emotion, ein Klang von Sehnsucht darin mit, knapp vorm Pathos. Singt Plewka Reiser-Lieder, dann liegt seine Stimme unfassbar nah am Original und klingt doch nicht so, dass Plewka den Mann, der vor 21 Jahren starb, kopiert. Plewka singt eine Hommage – von „Der Traum ist aus“ bis „Halt dich an deiner Liebe fest“.

Der Jutebeutel sorgt dafür, dass es auch für die beiden auf der Bühne überraschend zugeht. Was Plewka nicht entziffern kann, also fast alles, das deutet Kollege Schmedtje. Ganz eng nehmen sie es mit der Songlotterie nicht, spontan bauen sie „The 59th Street Bridge Song (Feelin‘ Groovy)“ von Simon & Garfunkel ein.

Singen sie „Sounds Of Silence“, dann dehnen sie die Pause zwischen den Strophen, dass es still wird, auch das Flaschengeklapper hinten am Tresen verstummt. Vollends charmant wird der Abend durch die Art, wie Plewka und Schmedtje auftreten. Sie haben einfach Lust an dem, was sie tun. Das gaukeln zwar alle Popmusiker vor, irgendwann muss das Publikum ja „la-la-laa-laa-la“ oder so machen. Hier auch, mal singt es „Feeling Groovy“, mal „Lei-Lei-Lei“ (natürlich bei „The Boxer“). Verblüffend viele röhren Refrains der alten Ton-Steine-Scherben-Kracher mit, und am Ende werden alle „Junimond“ singen, den großen Selig-Hit. Plewka/Schmedtje transportieren ihr Programm so locker, so witzig, so plaudernd, so spontan und dazu mit einem Plädoyer wider den Zynismus der Zeit, dass als einziges Manko bleibt, dass zwei Stunden 15 Minuten so schnell vorüber sind.
Von Hans-Martin Koch