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LiteraTour Nord: Jochen Schmidt (links) im Podiums-Gespräch mit Dr. Tilmann Lahme.

Zähneputzen und andere Abenteuer

Lüneburg. Sie heißen Tim und Milla (Weiler), Henri und Hannes (Schlenz), Nicole und Sebastian (Kaminer). Kinder von Schriftstellern landen häufig in den Büchern ihrer Väter, was etwa im Falle von Jan Weilers „Pubertieren“ zu Bestsellern führt. Auch Jochen Schmidt hat als Autor das Kinderzimmer entdeckt. Daraus ist der Roman „Zuckersand“ entstanden, er dreht sich um den zweijährigen Karl, der daran geht, die Welt zu entdecken. Allerdings liegen hier die Schwerpunkte eher auf der Literatur als auf der Anekdote. Darüber sprach Jochen Schmidt mit Moderator Dr. Tilmann Lahme im Rahmen der Literaturbüro-Reihe LiteraTour Nord im Heine-Haus.

Jochen Schmidt, 1970 in Berlin (Ost) geboren, schrieb Bücher, die „Triumphgemüse“ und „Dudenbrooks“ heißen. Er war Kolumnist und Blogger, „Open Mike“-Preisträger, Mitbegründer der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“, Übersetzer und Weltenbummler, dazu rechter Außenverteidiger der Deutschen Autoren-Nationalmannschaft. Ein durchaus schillernder Künstler von trockenem, mitunter subversivem Humor, seit einigen Jahren auch Vater, was den Menschen naturgemäß erdet.

Karl ist also zwei Jahre alt, und macht viel Freude und Verdruss, wie das eben so ist mit kleinen Kindern. Sie verzücken ihre Eltern mit jedem Pups und bringen sie an den Rand des Wahnsinns, mit Schlaflosigkeit und dem endlosen Abspielen der immer gleichen Rolf-Zuckowski-Lieder. Der Ich-Erzähler will ein besonders guter Erzieher sein, dem Kind nicht im Wege stehen; Motto: „Was man gezeigt bekommt, kann man nicht mehr selbst entdecken.“ Aber locker bleiben ist anstrengend.

Reflexionen der eigenen Kindheit

Dabei führen die täglichen Rituale und die großen Abenteuer – wie etwa Zähneputzen – zu Reflexionen der eigenen Kindheit, auch zu den eigenen, gut gehüteten Bodenschätzen, zu der Wunderkammer, in der die ebenso unscheinbaren wie unvergesslichen Gebrauchsgegenstände gehütet werden.

Das Autobiographische mischt sich mit dem Fiktiven, die Beobachtung einer Seifenspender-Hubkolben-Mechanik mit der Erinnerung an die Demütigung, auf einer öffentlichen Toilette von einem Sensor ignoriert zu werden. Oder die Erkenntnis, dass Eltern ekelig sind – etwa, wenn sie ihr Baby füttern und nach jedem Häppchen, ohne es selbst wahrzunehmen, den vollgesabberten Löffel ablutschen.

„Zuckersand“ ist kein Pädagogik-Ratgeber, keine Glossensammlung und kein Erfahrungsbericht, sondern eben ein Roman – „autofiktionales Schreiben“, sagt Jochen Schmidt. Die ambivalente Beziehung der Eltern spielt eine Rolle. Ob ihre Ehe Bestand hat, wird sich noch herausstellen, das Ganze ist als Trilogie angelegt. Karl wird wachsen, und dann wird sich der Autor daran erinnern, wie er für die Autoren-Mannschaft nicht aufgestellt werden sollte, was für einen Jungen eine schreckliche Demütigung ist, und noch mit Vierzig wehtun kann. Überhaupt: Fußball. Jochen Schmidt erzählte, dass es im Team strittig sei, ob bei Länderspielen der Sieg oder die Begegnung an sich wichtiger sei. Und wie ein feinsinniger, hochdekorierter Kunsthistoriker auf dem Rasen zum schlechtgelaunten Kampfschwein wurde. Sein Name solle hier bitte nicht genannt werden (es war Horst Bredekamp).
Von Frank Füllgrabe