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Denis Scheck im Bücherwald, die Titel bilden einen Staketenzaun – oder Schutzwall – um den Literaturkritiker. Foto: lz/t&w

Der Bücherfresser

Lüneburg. Literaturkritiker ist ein sonderbarer Beruf. Man kann das nicht studieren. Deutschlands Bücherfresser Nummer eins, also Denis Scheck, bringt als Quali fikation ein Studium von Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft ein. Literaturkritik, sagt Denis Scheck im Huldigungssaal, sei eine Art Verlängerung der Literatur. Hannelore Krome, Vorsitzende der nun 30-jährigen Literarischen Gesellschaft, zitiert begrüßend eine provozierende Definition. George Bernard Shaw sah im Literaturkritiker ein „blutrünstiges Monster“ . Aber Scheck kümmert das nicht. Scheck ist Scheck und in der Post-Ranicki-Zeit der sehr selbstbewusste Star seiner Zunft.

Als wichtigere Qualifikation für seinen Beruf bringt Scheck eine unstillbare Neugier auf alles ein, das ihm lesenswert erscheint. Der Welt der Bücher ist er seit 40 Jahren verfallen. Mit 13 gründete er seine erste Literaturzeitschrift, am kommenden Freitag wird er 53. Scheck hat einen Weg durch die Instanzen des Kulturjournalismus hinter sich. Aktiv ist er auch als Übersetzer, Literaturagent und Herausgeber – etwa eines Hörbuchs über „die schweinischsten Stellen aus dem Alten Testament“, gelesen von Harry Rowohlt.

Der wichtigste Satz, den Denis Scheck an diesem Abend sagt, ist schlicht: „Ich bin nicht gerecht.“ Seinen Star-Status hat sich Scheck über die ARD-Sendung „Druckfrisch“ erlesen, in der er monatlich und wieder am 17. Dezember rigoros im Ja und Nein die aktuelle Literatur und besonders die Bestsellerliste auseinandernimmt. „Ich bin wohl der einzige, der die Bücher der Bestsellerliste wirklich liest“, sagt er und macht deutlich, was bzw. wer bei ihm nicht ins Regal kommt: Susanne Fröhlich, Sebastian Fitzek, Paulo Coelho. Also eine angeschrillte Plaudertasche, ein Nervenschnellzerfetzer und ein esoterischer Weichspüler. Da wird Scheck zum Reißwolf. Aber er sagt: „Ich werde gut dafür bezahlt, sie zu lesen.“

Natürlich gibt es Lesetechniken, um ein Buch schnell durch- und ermessen zu können. Das gute Buch offenbart sich dadurch, dass sich das Lesetempo vermindert. Trotzdem: An die 90 000 Bücher erscheinen im Jahr. Wie soll man sich in dem Dschungel orientieren? Scheck, eloquent und immer im Wechsel von Angriffs- und Euphoriemodus, will an diesem Abend Orientierung geben.

Taugen Bestsellerlisten? Nein. Sie teilen Verkaufszahlen mit, sind eben keine Bestenlisten und damit „vollkommen unbrauchbar. Der Begriff Bestseller ist eine Warnung.“

Blüten auf dem Misthaufen

Punkt zwei: Literaturpreise!?! 700 gebe es in Deutschland, aber keinesfalls 700 preiswürdige deutschsprachige Schriftsteller. „Ich würde mich auf 70 heraufhandeln lassen.“ Preise, die in der Höhe nicht mindestens das Monatsgehalt des preisüberreichenden Oberbürgermeisters erreichen, empfindet Scheck als Zumutung. Er geht auf den wichtigsten, den Literaturnobelpreis (rund 940 000 Euro) ein, den Bob Dylan 2016 zu Unrecht, Kazuo Ishiguro 2017 zu Recht erhalten habe. Die wichtigste nationale Auszeichnung, so Scheck, ist der Georg-Büchner-Preis (50 000 Euro). Ihn erhielt 2017 Jan Wagner, „ein fabelhafter Dichter mit dem Humor Robert Gernhardts und der Formensicherheit Durs Grünbeins“. Wagner war 2004 Heinrich-Heine-Stipendiat in Lüneburg.
Punkt drei: Das ist Denis Scheck selbst als Wegweiser durch den Dschungel. Das sagt er so nicht, das zelebriert er. Der Großteil seines Vortrags wird zur positiven Bücherschau mit Ausnahme des „größten Misthaufens: Regionalkrimis“. Da aber „auf Misthaufen die schönsten Blüten wachsen“, gibt es eine Ausnahme: Jörg Maurer.

Was also lesen? Scheck (Lieblingsschriftsteller: Arno Schmidt) hält Daniel Kehlmanns „Tyll“ hoch – „mein Lieblingsbuch des Jahres“. Es folgen Theresia Enzensberger, Ingo Schulze, irgendwann Salman Rushdie und und und bis zum „schönsten Buch des Jahres“. Das ist für Scheck „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?“, herausgegeben von Peter Krauss und Judith Schalansky. Ein Sachbuch, in dem sich zugleich die schönsten Verben finden, den Gesang der Vögel kennzeichnend: zetschen, schäckern, dacken, krolzen, rül­schen und viele mehr. Wunderbare Verben, die aussterben wie die Artenvielfalt.

Am Ende hat es Spaß gemacht, Denis Scheck zugehört, Weihnachtsgeschenkbücher notiert zu haben und ein wenig in den Bücherdschungel vorgedrungen zu sein. Schecks Schnei­senschläge zeigen einen, aber eben nur einen Weg hinaus.

Von Hans-Martin Koch