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„Bereite dich, Zion“: Anne Bierwirth bei ihrer ersten Arie, Henning Voss kann da zurückhaltend Zeichen geben. (Foto: phs)

Lasset das Zagen!

Lüneburg. Johann Heinrich Rolle, Carl Heinrich Graun, die Herren Telemann und Saint-Saens, ein gewisser Kurt Thomas, sie haben es alle geta n. Sie schrieben ein Werk, das unter dem Titel „Weihnachtsoratorium“ läuft. Sorry Leute, alles wahrscheinlich hübsch, nett und gut, aber wenn die Pauke rollt, die Barocktrompeten glitzern und auf den Gesichtern der Sänger so ein Leuchten liegt, das von innen zu kommen scheint, dann ist mal wieder klar: Das Weih­nachts­oratorium, das wirklich zählt, das hat der alte Bach geschrieben. Nun füllte es wieder zweimal an einem Abend die Michaeliskirche, und eigentlich ist damit alles gesagt.

Es ist ja wirklich schon alles geschrieben zu diesem Werk, und der Großteil der Zuhörer wird die Kantaten mehr oder weniger mitsummen können. Aber wie es so ist mit den wahren und den wichtigen Dingen: Es geht nicht ohne und soll auch nicht ohne sie gehen. Gibt es bessere Musik als das Weihnachtsoratorium zum Heiligen Abend? Frei von Kitsch, voll von Freude, reich an Botschaft, anspruchsvoll und dabei doch unmittelbar ansprechend?

Ein Alt voll Herzlichkeit und Wärme

Pracht ist ein Wort, das für die Aufführung 2017 gelten kann. Henning Voss dirigiert mit einer Leidenschaft, die Chor und Orchester mitreißt. „Lasset das Zagen“, heißt es im Eingangssatz, und so entwickelt sich der ganze Abend. Die Kantorei, Kinder- und Jugendchöre singen weitestgehend ohne Partitur, das gibt der Wiedergabe tatsächlich zusätzlichen Schwung und so etwas wie befreite Natürlichkeit. Notenlos zu singen ist ein anspruchsvolles Verfahren, denn jeder muss sehr genau seine Einsätze kennen. Es klappt alles zu 99,9 Prozent.

Wie es überhaupt sehr rund läuft. Voss, Kantorei und Barockorchester L‘Arco sind gute Bekannte, und die Abstimmung ist so gut, wie es eben möglich ist bei der Stimmenübermacht. Wunderbar auch, wie Solo-Instrumente (Flöte, Violine, Oboen) mit Arien in Dialog treten.

Purer Genuss ist zu erleben, wenn Anne Bierwirth ihre drei großen Arien singt! Mit klarer, schlank geführter, dabei großer Stimme strahlt sie scheinbar mühelos Herzlichkeit und Wärme aus. Das ist von Veronika Winters Sopran in St. Michaelis schon oft zu sagen gewesen und stimmt nun erneut. Konstantin Heintels Bass passt sich dem an. Der Erzähler, der teilnehmende Beobachter, das ist Jan Kobow, der das Evangelium mit eher sanfter Einfühlung verkündet und auch in den Arien recht zurückhaltend agiert.

Bierwirth, Winter, Heintel sind zur nächsten großen Kirchenmusikzeit wieder in St. Michaelis zu hören, mit Musik zur Passion am 4. März. Vorher aber erklingt noch ein Weihnachtsoratorium, nebenan in St. Johannis. Das hat Mozart-Freund Joseph Leopold Eybler geschrieben. Es wird eine Begegnung wert sein. Sie erfolgt am Freitag, 22. Dezember, um 20 Uhr in der Johanniskirche als letztes Konzert vor den Feiertagen. 2018 ist die Johanniskantorei wieder mit Bach dran, das geht immer hin und her – das Publikum geht mit.

Von Hans-Martin Koch