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Anregungen im Museum suchte die „lyrix“-Schreibwerkstatt, zu der Schüler der IGS Embsen kamen. Foto: be

Muss sich das reimen?

Lüneburg. Junge Menschen, also die zwischen zehn und zwanzig, für Lyrik zu begeistern, ist einerseits total einfach und andererseit absolut schwer. Fällt Hip-Ho p in den Bereich Lyrik, dann wird gereimt wie nie zuvor und Textmassen von gewaltigen Ausmaßen schnurren ratzfatz auswendig ab. Fängt Lyrik aber dort an, wo der Rhythmus etwas anderes ist als der Beat, und der Reim nicht den Fluss der Verse bestimmt, dann sieht die Sache anders aus. Hier setzt „lyrix“ an, ein bundesweiter Wettbewerb, der einmal im Monat in einem Museum Station macht. Im Dezember war Lüneburg dran.

Seit 2008 besteht lyrix, seit 2013 läuft der Nachwuchswettbewerb für junge Lyrik bundesweit. Jeden Monat können Jugendliche zu einem vorgegebenen Thema Gedichte einreichen. Ausgangspunkt sind immer ein Gedicht eines zeitgenössischen Autors und ein Exponat des für den Monat ausgewählten Museums. Für Dezember wurde ein Text von Ulrich Koch aus Radenbeck vorgegeben: „Versuch über die Evolution“ mit dem knackigen Einstieg; „Aus der Planierraupe ist ein Parkplatz geschlüpft“. Als Museumsgegenstand, der kon­tras­tierend oder ergänzend zum Schreiben anregen soll, dient die Scheibe einer Stieleiche. Sie brach im Alter von 253 Jahren am Forsthaus Tiergarten bei einem Gewittersturm auseinander und erzählt ihre Geschichte nun im Museum, so man/frau sie erlesen kann. Auf der Internetseite www.bundeswettbewerb-lyrix.de/ werden die Vorlagen präsentiert.

Anja Kampmann besitzt Erfahrung mit Schreibwerkstätten

Ins Museum Lüneburg kam am Dienstag zu einer Schreibwerkstatt der Deutsch-Jahrgang 10 der IGS Embsen mit Lehrerin Christina Bouse. Zu ihnen stieß die Lyrikerin und Romanautorin Anja Kampmann, zurzeit Stipendiatin im Heinrich-Heine-Haus. Anja Kampmann studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für ihre Lyrik und Prosa bekam sie mehrfach Preise und Stipendien. 2016 kam ihr Lyrikdebüt „Proben von Stein und Licht“ heraus, Anfang 2018 erscheint bei Hanser ihr erster Roman: „Wie hoch die Wasser steigen“.

Anja Kampmann besitzt Erfahrung mit Schreibwerkstätten. Die Baumscheibe des Monats spielte bei ihrer Schreibwerkstatt allerdings keine Rolle. Die Teilnehmer suchten sich selbst einen Gegenstand im Museum, den sie in ihrem Text beschrieben und dann so gut, wie es in der knappen Zeit ging, auf eine andere Ebene hoben. Zum Beispiel wurde eine Flöte präzise beschrieben, dann aber ihre Situation in der Vitrine und darüber hinaus die Vorstellung, ihre Melodie wahrzunehmen. „Die Texte haben auf einmal eine andere Temperatur“, beschrieb Anja Kampmann den Prozess des ausgefeilteren Formulierens.

Lyrik ist für Schüler, die um die 16 Jahre sind, eine Frage des Einlassens. Das gelang den einen gut, den anderen weniger. Das ist normal. „Ich habe erfahren, worauf es bei einem Gedicht ankommt“, fasste Lisa Kathmann den Vormittag zusammen. „Ich bin auf den Geschmack gekommen, was man mit Worten alles ausdrücken kann“, sagte Jessica Blehm und: „Ich werde auf jeden Fall am Wettbewerb teilnehmen.“ Ein besseres Echo können sich die lyrixer nicht wünschen.
Von Hans-Martin Koch

Junges Literaturbüro

Sprache erfahren

Eine Bilanz des Jungen Literaturbüros für das Jahr 2017 zieht Kerstin Fischer. Zum Lesen motivieren und gleichzeitig einen wichtigen Impuls für die sprachliche Bildung setzen sollen die Angebote, die Fischer als Geschäftsführerin des Literaturbüros auf den Weg bringt. Mehr als 1000 Schüler in Stadt und Kreis Lüneburg haben 2017 teilgenommen. Sehr erfolgreich verliefen zum Beispiel Workshops der Hamburger Illustratorin Nele Palmtag in der Anne-Frank-Schule. Zum vierten Mal hat Palmtag mit den vier vierten Klassen gearbeitet, in diesem Jahr lautete das Thema „Die Nacht“. Zum Abschluss präsentieren die Viertklässler ihre Ergebnisse am Freitag, 15. Dezember, um 10 Uhr in der Schulmensa (Graf-Schenk-von-Stauffenbergstraße 3). Zum weiteren Programm gehörten Lesungen von Andreas Steinhöfel, Lutz van Dijk, ein Poetry Slam-Workshop mit Ken Yamamoto, ein Projekt mit fünf Autoren zum Thema „Sport und Buch – ein starkes Team“, Veranstaltungen mit der Kinderphilosophin Kristina Calvert und einiges mehr. Gefördert wird das Junge Literaturbüro von der VGH-Stiftung, dem Lüneburgischen Landschaftsverband und dem Rotary Club Lüneburg.

2 Kommentare

  1. Nicht nur der Reim, auch das Geld spielt in der (Dicht-)Kunst eine Rolle.

    „Werd ich nicht nach Tarif bezahlt, wird ab sofort naiv gemalt!“, reimte ein Frankfurter Lyriker als ihm – stellvertretend für alle Geist- und Pinselarbeiter – Picasso und sein Galerist vorm dichterischen Auge erschien:

    O-Ton Robert Gernhardt:

    „Sehr geehrter Kunsthändler Kahnweiler, schreibt Picasso.

    Wir hatten einen Deal gemacht,
    der hat bis jetzt nicht viel gebracht.
    Erst hab ich blau in blau gemalt,
    Sie haben äußerst mau gezahlt.
    Dann hab ich’s mit Rosé versucht,
    doch nichts im Portmonnaie verbucht.
    Nun also wären Kuben dran –
    Sie schaffen nicht mal Tuben ran.
    Wird ich nicht nach Tarif bezahlt,
    wird ab sofort naiv gemalt.

    Wir überspringen elf weitere, reiche Reimpaare und enden mit dem P.S. des Schreibens.

    PS: Ein Vorschlag zur Güte:
    Zunächst wird kräftig angezahlt,
    sodann wird wie Cezanne gemalt,
    der Gegenstand wird kleingehackt
    und so viel Schotter eingesackt,
    dass jeder der Picasso kennt,
    ihn nur noch Herrn Inkasso nennt.“

    (c) Nachlass Robert Gernhardt, durch Agentur Schlück.

    • Es soll manchen Dichter geben,
      der muß dichten um zu leben.
      Ist das immer so? Mitnichten,
      manche leben, um zu dichten.