Dienstag , 18. September 2018
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Text vergessen? Willi Podewitz braucht jedenfalls eine Auszeit und sucht Zuflucht bei dem Brüderchen. Foto: t&w

Zur Strafe gibt es ein Gedicht

Lüneburg. Was war 1992? Nun, mit der Unterzeichnung des Maastrichter Vertrages wurde die Europäische Union endgültig in eine feste Form gegossen. Bill Clinton wird gewählt. Erich Honecker, der in die chilenische Botschaft von Moskau geflohen war, kehrte nach Berlin zurück und wurde verhaftet. Und sonst? Das Jahr war insgesamt ein eher unspektakuläres. Immerhin: Willi und Peter Podewitz begannen ihre Laufbahn als Comedians, weshalb das Duo jetzt auf Jubiläums-Tour ist. Im Kulturforum Gut Wienebüttel boten die Brüder „Das Verrückteste aus 25 Jahren“.

Angekündigt war „autoritäre Unterhaltung“, soll heißen: Wenn das Publikum nicht angemessen applaudiert, dann gibt es eben Strafgedichte. Die hat der Peter selbst verfasst, und trägt sie dann auch vor. Natürlich sind sie grottenschlecht. Strafverschärfend wirkt, dass der Poet in klassischer Pose auftritt, mit Lyra und wallendem Gewand, mit wichtigem Blick, wirrer Haarsträhne und dramatischer Geste: „Der Wein war rot/ und er musste noch atmen“, und so weiter.

Es ist alles ganz schön kompliziert geworden

Überhaupt: die Weintrinker. Können die nicht vernünftig saufen, wie jeder andere Biertrinker auch? Aber nein, sie verkosten. Nach jedem Schlückchen wird mit reichlich Wasser neutralisiert. Überhaupt: die Wassertrinker. Der Weltbürger trinkt natürlich stilles Wasser, vorzugsweise aus Frankreich, neuerdings ist auch Italien diskutabel.

Es ist alles ganz schön kompliziert geworden, im letzten Vierteljahrhundert, das ist die Botschaft der Comedy-Rückschau, Willi Podewitz seufzt. Früher gab es, wenn den Sendern nichts Vernünftiges mehr einfiel, das Testbild, heute gibt es dann Jörg Pilawa. Früher gab es Farben, also Grün zum Beispiel, heute gibt es stattdessen Obst und Gemüse. Schwarz-Rot-Gold war einmal, heute heißen unsere Nationalfarben Mokka, Litschi und Curry. Wieso tragen junge Hipster frisurenmäßig den Dutt von Oma wieder auf? Dass die zauseligen Mullah-Bärte wieder en vogue sind, kann auch nur ein schlechter Scherz sein.

Und dann: die Helden von damals. Wimbledon-Sieger Boris Becker, so heißt es, sei pleite, sorry: tennisarm. Als Kabarett war das Duo angekündigt, das – neben vielen anderen Auszeichnungen – den Deutschen Kabarett-Förderpreis gewann. Der Witz liegt aber vor allem in der Sprache, gesellschaftspolitische Inhalte werden eher nebenbei transportiert.

Da gibt es echte Highlights, zum Beispiel, wenn Podewitz wie ein Bühnendrama eine schlampig übersetzte asiatische Bedienungsanleitung rezitiert. Für so etwas sind sie gut ausgebildet. Willi Podewitz, 1963 in Bremerhaven geboren, studierte Sprach- und Literaturwissenschaft, war unter anderem Hörfunk-Redakteur und -Moderator. Peter (1968) studierte Musiktheater sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, er arbeitet nebenbei als Texter für TV und Hörfunk.

Wortspiele kommen mitunter in rasantem Reportage-Tempo daher. Am Wochenende sollte eigentlich Ruhe auf dem Lande herrschen, doch allerorts ist Heimwerker-Baulärm, und es erklingt das Laubbläser-Quintett von Wolfgang Amadeus Mofa. Noch ein Podewitz, wie heißt die Auszeit eines Alkoholikers? Blaupause.

Aua. Da ist ja wohl ein Strafgedicht fällig.

Von Frank Füllgrabe