Dienstag , 18. September 2018
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Andreas J. Meyer, gesehen von Johannes Grützke. „Ganz wunderbar“ sei Grützke gewesen, so der Verleger. (Foto: A/oc)

Ich konnte es gar nicht anders machen

Gifkendorf. Der Tisch, auf dem der Kaffee steht, die Kekse, die Milch, die Flasche Selters und so dies und das, der Tisch also, der gehörte einmal Janosch. Der Tisch war zu groß, als Janosch nach Teneriffa zog. Drum überließ er ihn seinem Verleger An–dreas J. Meyer. Gegen Bezahlung natürlich; Janoschs Geiz war und ist legendär. Ein Aufkleber an den Kacheln hinterm Tisch klebt da seit 1986. Er steht auch für eine Geschichte, wie so vieles im Leben des Verlegers, der vor 60 Jahren den Merlin Verlag gründete und nun, am Montag, 90 Jahre alt wird. Zu würdigen ist eine Verlegerpersönlichkeit der Bundesrepublik, einer der mutigsten Büchermacher im Lande, einer, der nie das Risiko scheute, wenn er nur Sinn sah und Lust verspürte, ein Projekt druckreif zu machen.

Sinn hat Meyer immer für das Querstehende bewiesen, für das Widerständige, auch für das Provozierende, wenn es denn Qualität hat. Den Mut, einen eigenen, aufrechten Weg zu gehen, bekam Meyer im Elternhaus vorgelebt. Sein Vater war Landgerichtspräsident in Hamburg und Vorsitzender des Kunstvereins. Die Nazis aber akzeptierten auf ihrem Weg ins Dumpfe liberalen Geist nicht. Meyer senior wurde aus den Ämtern gejagt. Die Freiheit der Kunst wurde für den Sohn Andreas J. Meyer ein Gradmesser dafür, was eine Gesellschaft ausmacht.

Begonnen hat Merlin als Verlag für Theaterstücke. Den Namen Merlin, erzählt der Verleger, bekam er auf Zuruf aus einer Freundesecke. „Ich weiß bis heute nicht, von wem.“ Aber der Name gefiel. Später befasste sich Meyer mit der Figur. Merlin sei ja gar nicht so sehr Zauberer, „er machte Voraussagen, was ja das Schwerste ist, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Das hat Karl Valentin gesagt.“

Die Freiheit der Kunst wurde vor Gericht erstritten

Ins Rollen kam der Verlag mit Texten von Jean Genet, dem Dieb, Deserteur und Dramatiker mit dem Sinn fürs Drastische. Geht es um die großen Erfolge Meyers, muss immer der Prozess genannt werden, in dem der noch junge Verlag die Freiheit der Kunst erstritt. Das war 1960/62 und ist die am häufigsten erzählte Geschichte. Anlass war Genets Roman „Notre-Dame-Des-Fleurs“. Meyer wurde wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften angeklagt, doch die Freiheit der Kunst siegte. Damit war zugleich für Aufmerksamkeit gesorgt. „Ich dachte, wir haben es geschafft, uns zu etablieren“, sagt Meyer. „Das war nicht so.“ Aufmerksamkeit besitzt ein höchst flüchtiges Wesen.

Ein kleiner Verlag, der immer gegen den Strom schwimmt, erlebt Ebbe und Flut sehr direkt. Zu den guten Phasen gehörte die Studienausgabe von Schriften des Marquis de Sade. Der sei zwar ein „saumäßiger Schriftsteller“, aber er habe konsequent die Abgründe im Menschen beleuchtet. „Das ist wichtig.“ Im Auf und Ab der Jahre, deren Mühen später zu Anekdoten zusammenschnurren, kamen viele Autoren mit Abgrundblick hinzu: Wolf Klaussner, Louis-Ferdinand Céline, Jens Bjorneboe. . .

Meyer hielt seinen Autoren stets die Treue, oft im Wissen, dass sie ein Werk schufen, das sich weit weg vom Buchmarkt bewegt. Geld ist damit nicht zu gewinnen, aber Ehre. Merlin bekam 1984 den Preis der „Zeit“ für kleine Verlage und 2000 den Niedersächsischen Verlagspreis.

Oben auf der Welle schwamm der Verlag, als er auf Janosch stieß. Meyer sah den Künstler 1976 im ZDF, als Janosch auf jede Frage stereotyp mit „Ich bin der Janosch!“ antwortete. Meyer gefiel das Widerborstige, er nahm Kontakt auf. Janosch schuf bald Radierungen und hörte gar nicht wieder auf. Allein die guten und die bösen Geschichten, die Meyer mit Janosch erlebt hat, ach, sie füllten Bücher.

Für Merlin und seinen 1980 geschaffenen Appendix Little Tiger Verlag wurde Janosch dank der populären Postkarten existenziell bedeutsam. In der Zeit zog der Verlag von Hamburg nach Gifkendorf in ein altes Bauernhaus. Das ist längst so dicht mit Büchern bestanden wie gegenüber der Wald mit Bäumen.

Da wären noch die Geschichten mit Horst Janssen, dem Genie und Chaoten, die mit dem Theatermann Peter Zadek, von dessen Hamburger „Wie es euch gefällt“-Inszenierung mit Ulrich Tukur und Eva Mattes der Aufkleber auf der Kachel stammt. Die mit dem Künstler Johannes Grützke und die unzähligen mit der Gruppe der Rixdorfer Drucker sowieso. Einer von ihnen, Arno Waldschmidt, der Bleistiftmaler mit mal humorvollem, dann wieder unbarmherzigen Blick aufs Gegenüber, er lebte lange in Gifkendorf.

Große Ehre heißt nicht große Auflage

Beim Blick zurück, irgendwas bereut? „Nein. Nicht. .“ Ein Satz von Hermann Hesse fällt ihm ein, sinngemäß: „Ich wollte nichts anderes, als das zu leben, was aus mir herauskommt.“ 90 Jahre Meyer, 60 Jahre Merlin. Heute steht Tochter Katharina Meyer an der Spitze. An Ebbe und Flut hat sich nichts geändert. Zu den Merlin-Entdeckungen in jüngerer Zeit gehört Boualem Sansal, er erhielt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Große Ehre! Das heißt nicht große Auflage.

„Fragen Sie mich“, sagt Andreas J. Meyer, „sonst erzähle ich was.“ Der Kaffee ist längst kalt, die Kekse hat der Frager, der gar nicht fragt, weggefuttert. Der Mann wird 90, hat noch Geschichten für 90 Jahre auf Lager. Er geht am Montag mit der engsten Familie im Hamburger Hafen Fisch essen. Sonst nix. Aber sein älterer Bruder wird sicher gratulieren.

Von Hans-Martin Koch

One comment

  1. Schöne Hommage!