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Carsten Petermann war ein erfolgreicher Klassik-Gitarrist, bis ihn Probleme mit der rechten Hand zur Aufgabe zwangen. Doch das Musizieren ist nun wieder Teil seines Berufes. Foto: nh

Als Arzt zurück zur Gitarre

Lüneburg. Es begann mit einer winzigen Verzögerung: Der Mittelfinger der rechten Hand reagierte nicht mehr ganz spontan, und das ist im normalen Leben überhaupt kein Problem. Für Carsten Petermann allerdings hatte es das Format einer mittleren Katastrophe. Der gebürtige Lüneburger war seit Jahrzehnten als klassischer Gitarrist unterwegs. Diagnose: Fokale Dystonie, gemeinhin Musikerkrampf genannt. Heute arbeitet Carsten Petermann als Psychiater – und als Buchautor: „Die Psychischen – vom Reim zum Sein“ ist ein erzählendes Sachbuch mit Lyrik-Faktor.

Paganini-Duo mit Adam Kostecki

Nach dem Abi 1981 an der Herderschule absolvierte Carsten Petermann ein Medizinstudium, vier Jahre später legte er das Konzertexamen bei Frank Bungarten in Luzern ab. Was nun, Arzt oder Musiker? Petermann gab Konzerte, als Solist, in Kammermusik-Ensembles und vor allem, europaweit, im Paganini-Duo mit dem Geiger Adam Kostecki.

Es ist nicht leicht, sich im großen Feld der erstklassigen Gitarristen zu behaupten, um so größere Auswirkungen hatte dieser kleine Krampf in der Zupfhand – der Laie hätte nichts gemerkt, aber „auf dem Niveau, auf dem wir musizierten, konnte ich so nicht weitermachen.“ Zur Therapie lernte er Blindenschrift, um die Finger zu sensibilisieren, nahm ein Medikament, um die Spannung im Muskel in den Griff zu bekommen und ließ sich schließlich Botox spritzen. Eine Dauerlösung war das nicht, im Januar 2007 sagte er erstmals in seiner Karriere ein Konzert ab.

Aber mal eben in den anderen Beruf zu wechseln, das ging natürlich nach langer Zeit auch nicht so einfach. Nach einer Reihe von Praktika und einem Abstecher in die Chirurgie arbeitet der dreifache Vater heute als Facharzt in der Ambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Agaplesion Diakonieklinikums in Rotenburg/Wümme.

Aus einer verheißungsvollen Laufbahn geworfen zu werden, das ist ein prägendes Erlebnis, und nicht jeder hat dann so eine neue Berufs-Perspektive. Auch Carsten Petermann war sich zunächst gar nicht so sicher, was nun folgen sollte, und seiner Zunft stand – und steht – er durchaus kritisch gegenüber. „Kann man einem Psychiater trauen?“ Das ist auch der Titel seines Debüt-Buches (198 Seiten, 16,50 Euro), das er selbst publizierte – für die eigentümliche Mischung aus Fachliteratur, Erzählung im heiteren Grundton und Poesie fand sich bisher noch kein Verlag. Mittlerweile gibt es – als eBook – schon eine zweite, erweiterte Fassung, außerdem ist ein 170-Minuten-Hörbuch (gekürzte Version) erschienen, das der Autor daheim in 27412 Bülstedt natürlich selbst eingesprochen hat.

Mit Patienten auf Augenhöhe

Das Ziel: Patienten auf Augenhöhe begegnen, Menschen erreichen, für die Erkrankungen der Seele etwas Umheimliches ist, sich nicht trauen, über Symptome zu sprechen. „Jeder von uns kann im Laufe seines Lebens psychisch erkranken, das Risiko hierfür soll bei fast 43 Prozent liegen“, sagt und schreibt Petermann. Vier Themen stehen im Mittelpunkt: Depression, Bipolare Störung, Borderline-Störung und Paranoide Schizophrenie. Als Einführung ist das Buch gedacht, die Gedichte sind nicht für einen Lyrik-Wettbewerb geschrieben, sondern sollen einen Einblick geben in das subjektive Erleben eines Betroffenen. Kleiner Auszug aus „Der Maniker“: Heute rock ich/ morgen zock ich / dann verspiele ich mein Haus/ Schlafen ist nicht, /Aufräum auch nicht / ja, wo sind denn meine Schuh?“

Aber der Autor ist auch live zu buchen, zwei Programme sind abrufbar. Lesung, Rezitation, Vortrag, Carsten Petermann hat ein Konzept entwickelt, in dem er Unterhaltung mit leicht verständlicher Information und nackten Fakten verbindet. Seine Hörerschaft reicht vom klassischen Literatur-Publikum bis zu Fachleuten bei einer Fortbildung – und auch die Gitarre kommt nun wieder zum Einsatz.

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