Dienstag , 25. September 2018
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Das typische Bild für Gebhardt Dietsch: Mit der Glocke läutet er den Beginn der Vorstellung ein. Foto: t&w

Wir brannten für etwas

Lüneburg. Aufbau und Zerfall liegen nah beieinander. Am Kulturforum Lüneburg, das vor seinem 30. Jahr steht, lässt sich das an Namen festmachen. An denen, die d as Haus prägten und prägen. An Catarina Sdun und Nema Heiburg. An Nema Heiburg und Gebhardt Dietsch. Und nun an Gebhardt Dietsch und Mathias Meyer. In allen drei Fällen schnitten sich das Inhaltliche und das Persönliche. Mal nach kurzer, meist nach langer Zeit waren die Worte ausgegangen, die Verbindungen ausgebrannt, die Risse nicht zu kitten. Catarina Sdun ging früh, Dietsch kam. Nema Heiburg verließ ihr Lebenswerk, so muss man es sagen, 2010. Meyer kam. Und heute, am 29. Dezember, tritt Gebhardt Dietsch nach 27 Jahren zum letzten Mal als Veranstalter auf. Es ist mehr als ein Abschied, es tritt eine Gezeitenwende am Gut Wienebüttel ein.

Was vor allem Nema Heiburg und Gebhardt Dietsch aufbauten, veränderte die Kulturszene der Stadt. Der Spielort, erst das Haus, bald dazu die Scheune, waren ungewöhnlich. Das Programm aus Jazz, Neuer Musik, Klassik und Klängen ferner Kulturen brachen den Kanon des Üblichen auf. Kunst kam hinzu. Legendär ist bis heute die Feininger-Ausstellung 1991, die in vier Wochen mehr als 10 000 Besucher anzog und bundesweites Echo fand. Im Kulturforum lästerten die Stars des politischen Kabaretts von Hüsch bis Hildebrandt, Jazzmusiker wie Charlie Mariano und Ralph Towner traten auf, Chansonstars wie Gisela May und viel, viel mehr passierte.

Nema Heiburg und Gebhardt Dietsch prägten das Kulturforum, hier vor der Konzertscheune 1998.
Nema Heiburg und Gebhardt Dietsch prägten das Kulturforum, hier vor der Konzertscheune 1998. Foto: A/ff

Die Stadt unterstützte das Kulturforum, gab das zu Beginn marode Haus langfristig mietfrei in die Hände des Vereins. Das gilt noch ein Dutzend Jahre. Große Unterstützung, vor allem von der Sparkassenstiftung, gab es beim Ausbau der Scheune zum Spielort. Das Kulturforum wurde so zu einem der wichtigsten Träger des Kulturgeschehens in der Stadt.

Immer zählte dabei zuerst die Qualität und nicht das Geld. Die aktuelle Situation charakterisiert Gebhardt Dietsch so: „Was Nema und mich letzten Endes bei allen Auseinandersetzungen immer wieder zusammenbrachte, war, dass wir für etwas brannten, dass wir uns einig waren, was die inhaltliche Ausrichtung betrifft. Das ist in der gegenwärtigen Situation nicht der Fall.“ Dietsch, immer ruhig und mit Bedacht sprechend, deutet damit das Zerwürfnis mit Mathias Meyer an. „Sieben Jahre hat‘s gehalten.“ Mehr sagt er nicht, nur: „Ich will nicht den Eindruck von Verbitterung erwecken.“

Meyer ist ein Mann mit Blick auf die Zahlen

Das Duo Dietsch/Meyer war über Jahre auf mehreren Wegen gemeinsam unterwegs. Sie gründeten zum Beispiel in Hamburg ein Russisches Kammermusikfest, Meyer als Projekt-, Dietsch als künstlerischer Leiter. Das ging auf Dauer nicht gut. Die Gräben zwischen Dietsch und Meyer, die beide mal in Hamburg, mal in Lüneburg aktiv sind, sie sind längst nicht mehr zu überwinden.

Mathias Meyer ist ein Mann mit Blick auf die Zahlen, er will das Kulturforum in die Wirtschaftlichkeit bekommen. Meyer nimmt dafür weit mehr Vermietungen mit großer Bandbreite auf, das Profil des Kulturforums wandelt sich dadurch deutlich. „Wir haben zum Beispiel in der Region ein Alleinstellungsmerkmal, was Kabarett betrifft“, sagt Dietsch, „und zwar hochkarätiges gesellschaftskritisches Kabarett.“ Comedy, das ging bei ihm gar nicht. Das hat sich bereits geändert. Wirtschaftlich erfolgreich: An gleich drei Tagen kalauerte sich gerade Jürgen von der Lippe an der Gürtellinie entlang.

Wunderbare Begegnungen mit Künstlern

Zeit zu gehen für Gebhardt Dietsch. Er blickt zurück auf viele Erfolge, auf inhaltlich durchdachte Programmreihen, auf wunderbare Begegnungen mit Künstlern, sicher auch auf einige Misserfolge. „Ich hab es leider nicht fertig gebracht, das Kulturforum als Ort für klassische Musik zu etablieren. Und beim Jazz ist der Publikumskreis auch recht klein.“ Aufgegeben hatte Dietsch entsprechende Programme nicht.

Sicher, Verbitterung hat es einige gegeben in den vergangenen Jahren. Auch für Gebhardt Dietsch verbindet sich mit dem Kulturforum schließlich so etwas wie ein Lebenswerk. Ein wenig Erleichterung klingt nun aber doch durch. Von dem, was jetzt ist, löst sich der 58-Jährige gern.

Wo Zerfall, da ist auch Aufbau. Gebhard Dietsch macht weiter. In Hamburg. In Lüneburg. „Ich habe für Lüneburg etwas in petto“, sagt er, „im Bereich der Musik.“ Gespräche dazu sind bereits geführt.

Von Hans-Martin Koch